Greifswald, Lange Straße 77
Inventarnummer: cbdd20077
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Das Wohn- und Geschäftshaus ist eines der wenigen erhaltenen mittelalterlichen Giebelhäuser der Stadt Greifswald, das den Stadtbrand von 1736 überlebt hat und deshalb noch Ausstattungen aus dem 17. Jahrhundert, aber auch aus späteren barocken und klassizistischen Umbauphasen zeigt.

Lage, Bau– und Ausstattungsgeschichte, Auftraggeber (unbekannt)
Lage
„Das Giebelhaus liegt an der Langen Straße, die eine der vom Markt abgehenden Hauptstraßen der Altstadt Greifswalds ist.“[1]
Die „Altstadt von Greifswald wird heute wesentlich durch traufständige Häuser geprägt. Nur wenige giebelständige, im Kern mittelalterliche Bürgerhäuser haben sich erhalten. [...] Im Stadtbild sind die Giebelhäuser besonders markant.“[2] „Die aufwendig gestaltete Fassade [des Wohn- und Geschäftshauses] prägt ganz wesentlich das Erscheinungsbild der Langen Straße [...].“[3]
Bau- und Ausstattungsgeschichte
„Das Wohn-und Geschäftshaus ist im Kern mittelalterlich. Der Dachstuhl konnte [dendrochronologisch] auf das Jahr 1307 festgelegt werden. Auch der Kemladen ist im Kern mittelalterlich und hat eine Ausstattung mit bemalten Balken, die in die Zeit um 1650 datiert werden können. Das Haus hat den Stadtbrand von 1736, in dessen Folge u.a. alle linksstehenden Nachbarhäuser bis zum Markt zerstört wurden, mit Schäden überstanden. [...] Das Haus wurde wohl um 1780/90 baulich verändert und neu ausgestaltet mit Fenstern und Türen, einer klassizistischen Treppe und Raumfassungen.“[1]
Auftraggeber
Der Auftraggeber der bemalten Holzdecke im Erdgeschoss des Kemladens ist bisher archivalisch nicht benennbar.
Das Bauwerk
Das ehemalige Wohnspeicherhaus besteht aus dem zur Hauptstraße ausgerichteten Giebelhaus und dem rückwärtigen Kemladen.
„Die straßenseitige Giebelfassade wurde in der Mitte des 19. Jahrhunderts durchgreifend verändert. [...] Die Fassadengestaltung ist von überregionaler Bedeutung.“[4] Hierbei handelt es sich um einen zweigeschossigen und dreiachsigen Putzbau mit Pfeilergiebel, der den mittelalterlichen Backsteinbau materiell aufwertet und das Satteldach dahinter kaschiert.
Über die verwendeten Bauglieder ergibt sich eine die ganze Fassade strukturierende Ordnung.
Das Erdgeschoss ist frei von jeglichen Gliederungselementen, so dass allein die drei gleich großen Öffnungen, die mittige Eingangstüre und die seitlichen Schaufenster, diese Zone gleichmäßig einteilen.
Im Gegensatz dazu werden das erste Obergeschoss und der Schaugiebel mittels hoher, gotischen Strebepfeilern ähnlichen Bauglieder, strukturell und optisch miteinander verbunden, deren sie tragende Basis sich in der Attikazone befindet.
Innerhalb dieses Fassadenaufbaues unterschied der planende Architekt zwischen den die Geschosse übergreifenden Hauptstreben, die eine dreieckige Bedachung aufweisen und Nebenstreben mit horizontalem Abschluß. „In den Putzspiegeln unterhalb der Fenster befinden sich – mit Ausnahme des unteren Mittelfensters [...] – Malereien, die Masken umgeben von Ranken mit tulpenartigen Blüten darstellen.“[1]
„Das Haus Lange Straße 77 ist gegenüber den großen Wohnspeicherhäusern am Markt und in der Knopf- und Brüggstraße mit seinen drei Achsen ein eher kleineres Giebelhaus [...] ist [aber] für die Geschichte [...] der Stadt Greifswald und in den ehemaligen Hansestädten im Baltischen Rau von einer hohen Bedeutung.“[1]
Der Kemladen: Kemladen: Beschreibung und Maße
„Hofseitig hat das [Giebel]haus einen zweigeschossigen Seitenflügel (Kemladen) mit einem Pultdach.“[1] „Der Kemladen ist im Erdgeschoss massiv, im Obergeschoss in Fachwerk ausgeführt.“[4]
„Die Raumstruktur des gesamten Hauses stammt aus dem 18. Jahrhundert. Die Innenwände des gesamten Hauses sind überwiegend Fachwerkwände, die Decken sind Holzbalkendecken. Im Kemladen gibt es bemalte Deckenbalken aus dem 17. Jahrhundert [um 1650].“[1]
Der Raum im Erdgeschoss weist zwei Türen auf, wobei die nördliche Öffnung in den vorderen Großraum (Laden) führt, die hintere in den rückwärtigen Raum des Kemladens. Zwei Fenster an der Ostseite belichten den Raum, der mit einer Länge von 6,4m, einer Breite von 3,4m und einer Höhe von 3,2m großzügig proportioniert ist.
Die bemalten Holzbalken an der Decke: Ranken- und Dekorationsmalerei
Im Erdgeschoss des Kemladen sind an der Decke sechs bemalte Holzbalken mit einer Ranken- und Dekorationsmalerei zu sehen, die sich von der Nord- zur Südseite in ost-westlicher Querlagerung erstrecken.
Wie in anderen Handelsstädten, z.B. in Wismar oder Stralsund nehmen auch in „Greifswald im Barock die Rankenmalereien nachweislich den überwiegenden Teil der erhaltenen Raumausstattungen ein. Repräsentativ mögen hier die um 1650 entstandene Deckenmalerei im Kemladen der Lange Straße 77 in Greifswald genannt werden.“[5]
Die Bemalung der Holzbalken im Kemladen weisen ein gestalterische Grundmusterung auf, die sie einerseits formal alle miteinander verbindet und andererseits gleichzeitig voneinander unterscheidet.
Die Unterseite der Holzbalken bildet ein eher abstrakt-dekoratives Muster aus miteinander verketteten S-förmigen Schlaufen aus, deren Knotenpunkte eine rote, fruchtähnliche Rundform ausbilden. Im regelmäßigen Abstand sind in der Schlaufenmitte zusätzlich kleine rote Punkte angebracht, welche diese Grundfiguration zusätzlich farblich beleben.
Die Gestaltung der beiden Balkenseiten ist im Unterschied zur unteren Sichtseite eher floral-dekorativ gebildet. Die wellenartigen Akanthusmotive mit fleischigem Blattwerk und Frucht- oder Beerenbestand sind, formal gesehen, untereinander ähnlich, aber nicht gleich, was besonders an den Balkenköpfen sichtbar wird.
Die vermutlich ebenfalls bemalten Fachen (Zwischenfelder) haben sich nicht erhalten.
Sanierung/ Renovierung
„Die Fassadenbemalung wurde 1970 weitgehend nach Befund erneuert [...]. 1994/95 erfolgte eine grundlegende Instandsetzung, die sehr sensibel unter der Prämisse des größtmöglichen Erhalts des gewachsenen überlieferten Baubestandes erfolgt ist. [...].“[6] „Die originale Fassadenbemalung aus dem 19. Jahrhundert ist nicht erhalten. Zuletzt handelt es sich um eine zweite erneuerte Fassung von der Renovierung von 1994/95. Gegenüber diesem Vorzustand wurde die Farbigkeit nun anhand von Befundflächen im Fondton geändert und die dekorative Malerei entsprechend des Vorzustandes der 1930er Jahre ausgeführt.“[7]
Über eine Renovierung der bemalten Holzbalken sind keine Informationen bekannt.
Bibliographie
- Bens/Schirmer, Wand- und Deckenmalereien, 2025 — Bens, Christiane/Schirmer, Jan: Barocke Wand- und Deckenmalereien in Mecklenburg und Vorpommern – ein Überblick. 2025 (Erscheinungsjahr)
- Dräger-Kneißl, Denkmalbegründung, 2019 — Dräger-Kneißl, Beatrix: Denkmalwertbegründung, 22.01.2019, in: Schwerin, Landesamt für Kultur und Denkmalpflege Mecklenburg-Vorpommern, Fachbereich Archäologie und Denkmalpflege, Daten-Archiv)
- Dräger-Kneißl/Schirmer, Greifswald, Lange Straße 77 — Schirmer, Jan: Greifswald, Lkr. Vorpommern-Greifswald, Lange Straße 77, Universitätsbuchhandlung, in: KulturErbe in Mecklenburg und Vorpommern, Band 12, Schwerin 2022, S. 80–81
- Schönrock, Bürgerhäuser, 2016 — Schönrock, Felix: Greifswalder Bürgerhäuser in der Schwedenzeit. Wandel und Kontinuität (=Beiträge zur Architekturgeschichte und Denkmalpflege in Mecklenburg und Vorpommern, Band 11), Schwerin 2016
Einzelnachweise
- ↑ 1,0 1,1 1,2 1,3 1,4 1,5 Dräger-Kneißl, Denkmalwertbegründung, 2019.
- ↑ Dräger-Knießl, Denkmalwertbegründung, 2019.
- ↑ Dräger-Kneißl/Schirmer, Lange Straße 77, 2022, S. 80.
- ↑ 4,0 4,1 Dräger-Kneißl/Schirmer, Greifswald, Lange Straße 77, 2022, S. 80.
- ↑ Bens/Schirmer, Wand- und Deckenmalereien, 2025 (Erscheinungsjahr); Schönrock, Bürgerhäuser, 2016, S. 383.
- ↑ Draeger-Kneißl, Denkmalwertbegründung, 2019; die Geschichte von Sanierung und Renovierung der Fassade ist anhand der Besichtigungsprotokolle aus dem Jahre 2011, 2017 und 2019 detailliert zu verfolgen (Schwerin, Landesamt für Kultur und Denkmalpflege Mecklenburg-Vorpommern, Fachbereich Archäologie und Denkmalpflege, Daten-Archiv).
- ↑ Dräger-Kneißl/Schirmer, Greifswald, Lange Straße 77, 2022, S. 81.