Grassau, Pfarrkirche Mariä Himmelfahrt, Sieben-Zufluchten-Kapelle
Sieben-Zufluchten-Kapelle
Außeres südliches Seitenschiff der Pfarrkirche, ehem. Doppelkapelle für zwei volkstümliche Andachtsformen mit dem Bruderschaftsaltar und dem Sieben-Zufluchten-Altar. Die Kapelle war zwar unter dem Dach der Kirche, aber als eigener Kirchenraum geweiht und hatte ihr eigenes Kirchweihfest.
Patrozinium: St. Katharina
Zum Bauwerk: Gleichzeitig mit der Erweiterung der Sakristei kurz vor 1476 Anbau einer Kapelle St. Katharina an der Südseite der Kirche. Nach 1500 Bau einer zweiten Kapelle an der Südseite der Kirche, westlich an die Katharinenkapelle anschließend. Die Weihe einer Kapelle mit Altar im Jahr 1511 durch Berthold Pürstinger, Bischof von Chiemsee, ist überliefert.
Umbau dieses Kapellenbereichs 1693/97. Erhöhung und Neuwölbung wohl des späteren westlichen Teils durch Michael Steindlmüller, Maurermeister zu Staudach bei Grassau. Pflasterung 1696. Reparaturen im Kapellenbereich 1757. Die beiden Kapellen an der Südseite der Kirche sind heute zu einem langen seitenschiffähnlichen Raum zusammengezogen, doch ist die ehem. Grenze der beiden Raumteile durch einen massiven Gewölbebogen noch markiert.
Der östliche Raumteil ist die ehemalige Katharinenkapelle, ein kreuzgewölbter zweijochiger Raum mit zwei spitzbogigen
Arkadenöffnungen zum südlichen Seitenschiff der Kirche. Sie ist belichtet durch zwei Rundbogenfenster in der Südwand. Der westliche Raumteil ist die ehem. Sieben-Zufluchten-Kapelle (der Altar jetzt versetzt, s. u.). Sie ist dreijochig, hat ein Tonnengewölbe mit Stichkappen, zwei Rundbogenfenster und ein Portal nach Süden (südliches Kirchenportal). In der Nordwand Zugang zur Empore und gegenüber vom Portal große Rundbogenöffnung zum südlichen Seitenschiff der Kirche.
An der Ostwand und an der Westwand dieses langgezogenen Kapellenraums stand je ein Altar. Diese Altäre wurden anläßlich der Restaurierung 1943 ausgetauscht. An der Ostwand befand sich ursprünglich der Altar Unserer Lieben Frau und der hl. Katharina, nach Bomhard 1694 aufgesetzt und 1767 durch einen Marmoraltar ersetzt. Dieser Altar war Bruderschaftsaltar der 1672 gegründeten Bruderschaft der Unbefleckten Empfängnis. Auf ihm stand einst die Bruderschafts-Madonna, eine große bekleidete Statue der Muttergottes mit dem Kind auf einem Thron (s. S. 54). Der Altar wurde später an die Westseite versetzt. Heute befindet sich dort eine große Kreuzigungsgruppe. Der Altar, der sich heute an der Ostseite befindet, der Sieben-Zufluchten-Altar, stand ursprünglich an der Westwand. Er wurde von dem Klosterschreiner Matthias Pichlinger in Breitbrunn gefertigt, das Altarblatt mit den Sieben Zufluchten ist von Jacob Carnutsch, die Seitenfiguren sind von dem Traunsteiner Bildhauer Georg Pämer
Auftraggeber: Im Jahr 1694 bat Matthias Winkler, Pfarrer von Grassau (1691-1715), den Bischof von Chiemsee um die Erlaubnis, »ainen neuen schwarz baisten (gebeizten) Altar vor Grund auf, alwo keiner noch gestanden, aber gar ein schönes Orth, und Liecht hatte« aufstellen zu dürfen, und »in denselben mit flacher Mallerey die 7 heillige Zueflucht fast auf die Manier (allein mit Verenderung etlicher Heilligen) wie beiligentes Kupffer anzeiget, stellen zelassen« - er legte das von J. Franck gestochene Andachtbildchen der Sieben Zufluchten bei (AEM). Als Seitenfiguren wählte er seinen Namenspatron St. Matthias und St. Valentin. Inschrift auf der Predella des Altars: Dennen allerheiligsten 7: Zuefluchten zu untertbenigsten Ehren hat der wollehrwürdig Geistlich unnd vollgelehrte Herr Matthias Winckhler Pfarrer zu Grassau, diesen Altar von Grund auf mit aller Zuegehör hierher aufsezzen, dise Capellen zieren und ausmallen lassen Anno 1696. Winkler zahlte sowohl den Altar als auch die Ausmalung der Kapelle aus seinem eigenen Vermögen (Genehmigung des Altars im November 1694, Aufstellung 1696. Am 3.6. wurde »mit großem Concurs des Volks das erste Meßopfer« darauf gelesen).
Die Andacht zu den Sieben Zufluchten geht auf den Münchner Jesuiten P. Tobias Lohner zurück. Sie entstand 1680 und Matthias Winkler war einer ihrer ersten Verbreiter: noch als Pfarrvikar von Niederaschau führte er sie um 1688 in seiner Filiale Sachrang ein, wo Carnutsch (zusammen mit Joseph Eder) im Chorfresko die Sieben Zufluchten darstellte, 1696 dann in Grassau.
Autor und Entstehungszeit: Zuweisung an Joseph Eder (* um 1650 Innsbruck † 1712 Neubeuern) und Jacob Carnutsch (* um 1650 † 1716 Prien, s. S. 380) 1696.
Das Datum ist in der Stifterinschrift auf dem Sieben-Zufluchten-Altar angegeben. Bomhard weist in seinen Vorarbeiten zu einer Publikation der Kunstdenkmale im Landkreis Traunstein (AEM, Nachlaß Bomhard Nr. 190) die Ausführung der kleinen aufgedeckten Bildchen (K1-3) überzeugend Jacob Carnutsch zu, der in den Jahren 1683–1712 oft für und in Grassau tätig war und von dem auch das Altarblatt mit der Darstellung der Sieben Zufluchten stammt. (Dieser kleinteiligen Ausmalung ähnlich war wohl die Ausmalung der Kirche St. Michael in Rottau durch Jacob Carnutsch 1712/16, s. AEM, Nachlaß Bomhard Nr. 190, Text Rottau, wo laut Kirchenrechnung »die Gmain das Gottshaus mit verschiedenlichen Bildtnussen und Vorstellungen außmahlen, und ziehren lassen« hat. Die Ausmalung von St. Michael in Rottau ist nicht erhalten.)
Das Deckenbild K allerdings nimmt Bomhard zu Recht nicht für Carnutsch in Anspruch, sondern für »einen sehr geschickten Meister, der leider unbekannt ist«. Theoretisch käme dafür der Traunsteiner Maler Franz Eberhardt in Frage oder der Maler und Mesner Philipp Wenser aus Chieming, die beide in den Grassauer Kirchenrechnungen der fraglichen Zeit für Fass- und Reparaturarbeiten genannt werden. Die völlige Ausmalung des doch recht großen Kapellenraums aber hätte deren malerisches Vermögen weit überstiegen. Dagegen hat Joseph Eder, Maler aus Frauenchiemsee, alle Wahrscheinlichkeit auf seiner Seite. Er arbeitete seit der Ausmalung der Stiftskirche in Herrenchiemsee 1678/80 wiederholt mit Carnutsch zusammen, in der Schloßkapelle von Hohenaschau 1680/81, im Nonnenchor von Altenhohenau 1685, in der Lauberstube von Schloß Hohenaschau 1686/87 und in Sachrang 1688. Außerdem nennt die Grassauer Kirchenrechnung 1683 die Zahlung von 86 fl. an »Jacoben Carnutsch Mallern zu Prien und Josephen Eder Mallern zu Frauen Chiemsee« für ein neues Heiliges Grab.
Auch stilistisch läßt sich die Marienkrönung in Grassau trotz ihres schlechten Erhaltungszustands dem Werk Eders zuordnen, das sich von der kleinteilig-kleinfigurigen Malerei Carnutschs durch seine großen, barock bewegten Figuren und seine eher großflächige Malweise unterscheidet.
Befund
Träger der Deckenmalerei: Im östlichen Teil Kreuzgewölbe, im westlichen Teil eine Tonne mit Stichkappen
Rahmen: Der ganze Kapellenraum, sowohl Wände als auch Decke, waren offensichtlich ursprünglich ausgemalt, mit vielen Einzelszenen innerhalb eines ornamentalen Rahmensystems
Technik: Fresko, polychrom
Maße: Höhe 5,00 m; K Durchmesser 1,20
Erhaltungszustand und Restaurierungen: Die barocke Ausmalung der Kapelle wurde 1766/67 anläßlich der Neuausmalung der Kirche und der Überweißung der kleinen Nebenfresken Carnutschs in der Kirche völlig übertüncht. Bei einer Restaurierung 1942/43 wurde die Malerei unter der Tünche entdeckt, wegen des Krieges wurde aber nur das Rundbild K freigelegt. Anläßlich der Innenrestaurierung der Kirche durch Willibald und Alois Stein 1972 sollten weitere Malereien in der Kapelle aufgedeckt werden, es kam aber nur zur Freilegung einzelner kleiner Partien, von denen nur K, mit der Darstellung Adam und Evas nennenswert ist.
Beschreibung und Ikonographie
Soweit es sich aus den aufgedeckten kleinen Stellen schließen läßt, waren Decke und Gewölbe des Raums völlig ausgemalt mit vielen Einzelszenen, die eingebettet waren in Akanthus-Ornamentmalerei in Grau, Ocker und wenig hellem Blau. Über das Bildprogramm schrieb Pfarrer Winkler 1704 an den Bischof von Chiemsee: »Die merste Stuckh von Unser Lieber Frauen Letanei sind in der Nebencapellen schon herangezogen...« (AEM, Pfarrakten Grassau, Pfarrkirchenbauten) Außerdem waren laut Bomhard die fünfzehn Rosenkranzgeheimnisse dargestellt (das ließ sich in den Quellen nicht verifizieren). Die Darstellungen K, K2 und K3 im westlichen Kapellenteil lassen sich einem Rosenkranzzyklus (s.o.) zuordnen. K, im östlichen Kapellenteil ist sichtlich aus einem weit komplizierteren Themenzusammenhang.
K MARIENKRÖNUNG (Ansicht nach W) Die ursprüngliche Darstellung war viel größer und vielleicht auch in einem anderen Format, denn die beiden Figuren von Christus und Gottvater sind zum größten Teil vom Rand der freigelegten Bildfläche überschnitten. Maria in weit bauschigem Gewand kniet auf Wolken (tragende Putten sind schwach erkennbar), die Hände auf die Brust gelegt, den Kopf mit den offenen Haaren geneigt. Links hinter ihr erscheinen vor Wolken ein Bein der Christusfigur, ein Stück vom Gewand und eine Hand, die zusammen mit der Hand Gottvaters einen Kurhut als Krone der Himmelskönigin über Maria hält. Von Gottvater sind außer der Hand nur Gewand und ein Fuß auf einer stark überschnittenen Weltkugel zu sehen.
K1 ADAM UND EVA In der Osthälfte der Kapelle ist an der Südwand im ersten Gewölbezwickel nahe des Eingangsbogens eine antetypische Szene dargestellt. Adam und Eva stehen links unter dem Baum der Erkenntnis. Eva hat eine Hand an einer Frucht am Baum und reicht mit der andern eine Frucht dem Adam. Rechts vom Baum (die rechte Hälfte ist wohl der Baum des Heils) steht Maria und nimmt von einem Engel im Baum etwas entgegen, was offenbar bei der Restaurierung nicht mehr zu erkennen war und mit Blattwerk übermalt wurde. Neben Maria steht der Jesusknabe und nimmt wiederum von Maria einen unkenntlichen Gegenstand entgegen.
K2 DER ZWÖLFJÄHRIGE JESUS IM TEMPEL Fragment einer Darstellung in einer ornamentierten Kartusche im dritten Joch von Westen am Wölbungsansatz (keine Abb.). K3 ANBETUNG DER HIRTEN Fragment einer Bildkartusche (keine Abb.).
Quellen und Literatur
AEM, Pfarrakten Grassau, Pastoral- und Kultusgegenstände: Aufstellung des Sieben-Zufluchten-Altars 1694/96. AEM, Nachlaß Peter von Bomhard Nr. 190, vorläufiger Text Grassau.
KDB I OB (2), S. 1780. Hausladen 1966, S. 10. Bomhard 1974, S. 16. Schricker 1988, S. 170f. Dehio 1990, S. 372