Gammertingen, Schloss, heute Rathaus
Inventarnummer: cbdd10406
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Andres Bruggers im Treppenhaus dynamisch in den neuen Tag startender Apoll entstand vermutlich anlässlich der Hochzeit des Bauherrn Marquard Carl Anton Speth von Zwiefalten Gammertingen im Oktober 1777. Im Appartement Supraporten nach Vorlagen von Charles Errard und Johann Evangelist Holzer.

Gammertingen, Schloss, heute Rathaus
Geschichte und Gestalt des 1776 errichteten Schlosses
Den Anlass für den Neubau von Schloss Gammertingen im Jahr 1776 gab vermutlich die bevorstehende Hochzeit des damals 37jährigen Freiherrn Marquard Carl Anton Speth von Zwiefalten Gammertingen (1739–1801).[1] Die Hochzeit mit Freiin Maria Maximiliana Speth von Zwiefalten Hettingen fand am 8. Oktober 1777 im benachbarten, wie Gammertingen ebenfalls an der Lauchert gelegenen Schloss Hettingen statt. Danach begab sich das Brautpaar nach Gammertingen, wo es im neu errichteten Schloss die Glückwünsche der örtlichen Würdenträger entgegennahm.[2]
Schloss Gammertingen liegt entlang der ehemaligen Stadtmauer unmittelbar an der Lauchert. Sein Vorgängerbau war der herrschaftliche Fruchtkasten, der zu einem älteren Schloss gehörte, dessen Kapelle 1775 mit bischöflicher Erlaubnis abgebrochen wurde.[3] Die Pläne für den Neubau von 1776 lieferte Pierre Michel d’Ixnard (1723–1795).[4] Die Ausführung oblag dem Bauinspektor Franz Joseph Jäger[5] und dem späteren fürstenbergischen Baumeister Johann Ferdinand Bickel.[6] Als Idealplan sah d’Ixnard vor, das heutige Gebäude entlang der Lauchert zu duplizieren, sodass es zusammen mit seinem Pendant das klassizistisch nach seinen Plänen zu erneuernde Untere Stadttor flankiert hätte.[7]
Errichtet wurde ein rechteckiger Bau von 13 Achsen Länge und fünf Achsen Tiefe. Über einem Sockelgeschoss, das nur an der Rückseite zur Lauchert hin gebändert ist, erheben sich Piano nobile und Mezzanin, die durch eine Eckquaderung zusammengefasst werden. Die Bänderung bezog sich als Motiv der Rustika auf den schmalen Gartenstreifen, der entlang der Lauchert auf der Grundfläche der ehemaligen Stadtmauer angelegt werden konnte[8].
Zur Stadt hin tritt als dreiachsiger Risalit das Treppenhaus vor die Fassade. Der Treppenhausrisalit wird von je drei Achsen flankiert. An der vom Stadttor abgewandten Seite schließt im rechten Winkel ein (erneuerter) Seitenflügel an. Den Plänen des Architekten d’Ixnard zufolge befand sich im Sockelgeschoss des ursprünglich nur eingeschossigen Seitenflügels die Kapelle.[9]
Der an seinen Schmalseiten nicht durchfensterte Treppenhausrisalit besitzt ebenfalls eine Eckquaderung, die einen Dreiecksgiebel ehemals mit dem Wappen des Bauherrn, heute dem der Stadt, im Tympanon trägt.[10] Im Erdgeschoss öffnet sich ein rundbogiges Hauptportal, umgeben von schweren Lorbeergirlanden im Goût grec.
Die Herrschaft Gammertingen wurde 1806 zugunsten des Hauses Hohenzollern mediatisiert. 1827 kam sie durch Verkauf des Freiherrn Ludwig Carl Speth von Zwiefalten Gammertingen an den Fürsten von Hohenzollern-Sigmaringen.[11]
Das Treppenhaus
Das Treppenhaus mit den ionischen Säulen der apollinischen Ordnung
Das Treppenhaus nimmt über einer nahezu quadratischen Grundfläche die gesamte Höhe des Gebäudes ein. Zu beiden Seiten des Eingangs beginnen zwei symmetrisch verdoppelte Läufe, die nach gewendelten Antrittsstufen entlang der Seitenwände ins Piano nobile führen.[12] Die Stufen bestehen aus Holz, das Geländer aus Schmiedeeisen. Die Läufe enden in einem rechteckigen, zum Treppenhaus offenen Vestibül, von dem nach allen drei Seiten Türen abgehen. Darüber verläuft im Mezzanin ein Flur, der sich ähnlich einer Empore zum Treppenhaus öffnet.
Vor dem Vestibül und dem Flur stehen zwei monumentale Säulen aus beigem Stuckmarmor mit ionischen Stuckkapitellen. Sie tragen den Unterzug, der den Plafond des Treppenhauses von dem des Mezzanins trennt. Ihre Postamente beginnen auf dem Niveau des Piano nobile. Unter der Säulenstellung öffnet sich im Erdgeschoss der Durchgang zu den rückwärtigen Räumen.
Die sehr eindrucksvolle Säulenstellung ionischer Ordnung stützt als Bedeutungsträger das noch zu besprechende Deckengemälde mit Apoll auf dem Sonnenwagen. Da die Ionica gemäß Vitruv Apoll charakterisierte, ist sie konzeptionell auf das Deckengemälde mit Apoll im Sonnenwagen zu beziehen.
Das Deckengemälde mit Apoll auf dem Sonnenwagen
Quellenlage und Auftragsvergabe an Andreas Brugger
Gemäß den Recherchen von Hubert Hosch, dem die stilistische Zuweisung des Deckengemäldes an Andreas Brugger zu verdanken ist, haben sich weder im Staatsarchiv Sigmaringen, noch im von Spaethschen oder im von Zobelschen Familienarchiv Hinweise auf die Entstehungsgeschichte des Gemäldes finden lassen.[13] Brugger schuf den Plafond im Anschluss an seine Fresken in der Buchauer Damenstiftskirche, die ebenfalls von Pierre Michel d’Ixnard errichtet wurde. Da die gesamte d’Ixnard-Truppe mit Bauinspektor Franz Joseph Jäger von Buchau nach Gammertingen wechselte, könnte Bruggers Beauftragung in Gammertingen auf eine Empfehlung von d’Ixnard oder von Jäger zurückgehen.[14]
Apoll vertreibt mit dem Sonnenwagen die Nacht
Bruggers Deckengemälde über dem Treppenhaus zeigt in dramatischer Untersicht Apoll auf dem von vier Schimmeln gezogenen Sonnenwagen. Bemerkenswert die ist die dynamisch kreisförmige Komposition, deren Mittelpunkt in der linken Bildhälfte Apoll bildet. Apoll sitzt nicht, wie allgemein üblich, in einem goldenen Wagen, sondern steht in Schrittstellung auf einem brettförmigen Schlitten, der auf einem Sonnenrad zu schweben scheint. Sein rotes Gewand flattert im Wind während ihn eine große, leuchtend goldgelbe Sonne hinterfängt. Hinter Apoll fliegen halbkreisförmig die Horen mit erhobenen Armen. Vor ihm fliegen zwei Putten, von denen der mit erhobener Fackel den Morgenstern Phosphoros personifizieren dürfte.
Der Wagen wird von vier Pferden gezogen, die, obwohl sie die vier Tageszeiten versinnbildlichen sollen und deshalb oft in vier verschiedenen Schattierungen dargestellt sind, alle vier das hellgraue Fell eines Schimmels haben. Die Pferde bäumen sich fächerartig auf und werfen ihre Köpfe zurück. Apoll hält die goldenen Zügel dennoch locker. Vor der Wucht der Pferde weicht rechts oben eine geflügelte Hore mit Stern zurück, die vermutlich den Abend personifiziert. Rechts unten kauern die Personifikation der Nacht mit großen schwarzen Flügeln und der vom Licht der Sonne geblendete Mond.
Brugger hat die die weibliche Personifikation der Nacht negativ geschildert mit grob hochgekrempeltem Hemd und muskulösen Armen. Verzweifelt hält sie ihren Kopf in ihren Händen. Über ihr sitzt mit ausgestreckten Beinen und einem nach vorne gebeugten nackten Oberkörper eine weitere weibliche Figur, die sich geblendet die Hände vor das Gesicht hält. Hosch hat sie als Mond gedeutet, da ihr Kopf von einem Nimbus umgeben ist.[15] Ihre Pose könnte auf Aktstudien zurückgehen, wie Brugger sie in Rom in der Accademia del Nudo erlernt hatte.[16] Quer zur Figur des geblendeten Mondes liegt eine weitere Hore mit Libellenflügeln. Sie räkelt sich als ob würde sie soeben aus dem Schlaf erwachen.
Nicht eindeutig zu bestimmen sind vier Puttenpaare in allen vier Ecken des von Apoll ausgehenden Kreises. Rechts oben handelt es sich um Phosphoros und seinen Begleiter. Links oben erscheint ein Windgott mit Begleiter. Links unten streuen die Putten Rosen, wodurch sie an Aurora erinnern, die als Göttin der Morgenröte Apoll voraneilt, von Brugger in Gammertingen jedoch nicht dargestellt wurde. Rechts unten halten zwei Putten eine nach unten gekehrte Fackel. Sie könnten für den Tod stehen, der zusammen mit seinem Bruder Schlaf ein Kind der unmittelbar daneben dargestellten Nacht ist. Die Puttenpaare stabilisieren die Komposition und stehen damit für das Regelmaß der Zeit. Den Lauf der Zeit verantwortete der Hofstaat des Apoll, zu dem außer den Horen auch die Jahreszeiten und die Zeitalter gehörten.
Mögliche Vorbilder
Hubert Hosch hat als Vorbild für den Gammertinger Apoll auf Guido Renis Aurora im Casino Rospigliosi-Pallavicini in Rom und auf das Deckengemälde zum gleichen Thema von Giuseppe Chiari im Palazzo Barberini ebenfalls in Rom verwiesen.[17] Beide Male ist Apoll im Profil mit wehendem roten Mantel vor dem leuchtenden Gelb der Sonne wiedergegeben. Mit der starken Untersicht und der Dynamik der Pferde steht Brugger der Version von Chiari deutlich näher als der von Guido Reni. Der Verzicht auf die Apoll voraneilende Aurora könnte in Gammertingen dem begrenzten Platz geschuldet sein. Dennoch betont das alleinige Auftreten Apoll zusätzlich zum beginnenden Tag die traditionell mit ihm verbundene Allegorie des Staatenlenkers.
Das Appartement des Freiherrenpaars
Das Appartement des Freiherrenpaars
Pierre Michel d’Ixnard sah im Piano nobile entlang der Gartenfassade zur Lauchert ein großes gemeinsames Appartement für beide Eheleute vor.[18] Vom Vestibül am Ende der Treppe gelangte man in die dreiachsige Salle de compagnie, von der aus sich zur Rechten das Wohnappartement von Freiherr und Freiin, zur Linken ein Gesellschaftsappartement anschloss. Alle Räume waren in Enfilade miteinander verbunden.
Das Gesellschaftsappartement, im dem sich keine originale Ausstattung erhalten hat, bestand entlang der Gartenfassade aus einer zweiachsigen Antichambre, einem zweiachsigen Cabinet und in der Tiefe des Flügels mit Fenstern zur Eingangsseite als größter Raum des Schlosses einem Speisezimmer. Neben dem Speisezimmer (Salle à manger) befand sich das vom Vestibül aus zu erreichende Buffet.
Das Appartement der Eheleute, in dem sich in situ die zu besprechenden Supraporten befinden, begann im Anschluss an die Salle de compagnie mit einem zweiachsigen Cabinet, das einer späteren Raumzusammenlegung zum Opfer fiel. Zum originalen Raumbestand gehören jedoch bis heute die einstige Chambre à coucher mit Alkoven und das einachsige Cabinet, das als Eckraum mit Fenstern nach zwei Seiten eine schöne Aussicht in die Landschaft bot. Den Alkoven versah d’Ixnard auf seinem Grundriss explizit mit einem Doppelbett. Hinter einer Tapetentür lag die Toilette, von der aus eine versteckte Treppe zu einem Bad im Erdgeschoss führte.
Chambre à coucher mit Alkoven
Der dreiachsige Raum mit erneuertem Fußboden wird ringsum von einem holzsichtigen Lambris umzogen. Zu diesem passen die ebenfalls holzsichtigen Türen. Den Übergang zum weißen Plafond markiert ein mehrfach profiliertes Gesims mit vergoldetem Eierstab und lesbischem Kyma. Den Alkovenbogen stützen Konsolen im Goût grec. Die Raumecken zu beiden Seiten des Alkovens sind abgerundet und mit stuckierten Felderungen versehen, wobei nach Ausweis des Grundrisses von d’Ixnard in der Ecke zum Vestibül einst ein Ofen stand.
Supraporten en camaïeu
Über den beiden Türen der Enfilade haben sich jeweils querrechteckige Supraporten erhalten. Sie zeigen in farblich reduzierter grau in grau-Malerei spielende Kinder in antikisierender Nacktheit. Der Maler ist nicht überliefert, doch könnten sie von Joseph Anton Reiser (1757–1805) stammen, der einer Gammertiner Malerfamilie entstammte und 1790 im Damenstift Buchau das Tafelzimmer in einer ganz ähnlichen Manier ausmalte.[19] In Anbetracht der Lebensdaten von Joseph Anton Reiser,[20] scheinen die Grisaille-Supraporten erst einige Jahre nach der Erbauung des Schlosses entstanden zu sein.
Eine der beiden Supraporten folgt einem Stich nach einer Invention von Charles Errard. Errard schuf zumindest drei Blätter mit Kinderspielen.[21] Übernommen wurde in Gammertingen als Supraporte im Schlafzimmer das Murmelspiel. Ein anderes Blatt von Errard zeigt vier Kinder, die an einem runden Tisch ein Kartenhaus bauen. Es könnte als Supraporte in der Salle de compagnie Verwendung gefunden haben. Auf dem dritten Blatt spielen die Kinder Blinde Kuh. Eines krabbelt mit verbundenen Augen auf dem Boden, während eines der stehenden Kinder einen zappelnden Frosch in der Hand hält.[22]
Zum Thema der Kinderspiele existieren mehrere Grafikserien. 1647 erschien in Rom im Verlag De Rossi von Giacinto Gimignani die Serie „giocchi diversi“. Im Jahr 1657 erschien in Paris die umfangreiche Folge „Les jeux et les plaisirs de l’enfance » von Jacques Stella.[23] Von diesen beiden Serien wurden in Gammertingen allerdings keine Vorlagen übernommen.
Supraporte mit fünf Kindern und einem kleinen Satyr
Ausgangspunkt der Supraporte vermutlich von Joseph Anton Reiser ist in der linken Bildhälfte ein kleiner Satyr, der von fünf nackten Kindern geärgert wird. Er kniet, damit eines der Kinder auf ihm reiten kann und wird an einer Leine geführt, die weitere Kinder in der rechten Bildhälfte halten. Das Kind auf seinem Rücken hat ihm Schläge auf das Hinterteil verpasst, während ein anderer mit einem rauchenden Stab etwas erschrocken davonläuft. Von den beiden Kindern, die in der rechten Bildhälfte an der Leine ziehen, ist eines zu Boden gegangen. Der Anführer der Truppe, der sich am rechten Bildrand jedoch nicht nach vorne, sondern zurück zu seinen Kameraden dreht, bläst auf einer Hornflöte.
Eine Architekturstaffage am rechten Bildrand und ein Baum in der Bildmitte verleihen der Supraporte mit der ansonsten reliefartig aufgefassten Szene ein gewisse Bildtiefe.
Supraporte mit sechs Kindern beim Murmelspiel
Zwischen zwei Bäumen, von denen kindgerecht im Wesentlichen die Stämme zu sehen sind, tummeln sich sechs Kinder in antikischer Nacktheit. In der rechten Hälfte bietet eines einem anderen Murmeln auf der ausgestreckten Hand dar. Am linken Bildrand ist ein Kind dabei, mit den Murmeln in ein Loch im Boden zu zielen. Drei weitere, zu einer Gruppe zusammengefasste Kinder schauen zu, wobei zwei knien und einander etwas zuzuflüstern scheinen.
Die Supraporte vermutlich von Joseph Anton Reiser folgt seitenrichtig einem Kupferstich von Michel Mosin nach Charles Errard.[24] Für die Gammertinger Supraporte musste Reiser das Motiv etwas in die Breite ziehen. Die landschaftliche Staffage hat er gegenüber der Vorlage reduziert.
Kabinett neben dem Schlafzimmer
Im einachsigen Kabinett, das als Eckraum den Blick in die Landschaft freigab, hat sich außer den Lambris und der Tür das Kaminjoch im Goût grec erhalten. Die Einfassung der Kaminöffnung ist streng rechteckig über breiten seitlichen Pfosten aus Stuckmarmor. Darüber erheben sich zwei Felder in lesbischem Kyma, von denen das obere vermutlich einst einen Spiegel, das untere möglicherweise ein Gemälde aufnahm.
Supraporte mit der brüderlichen Liebe von Castor und Pollux
Die Geschichte gemäß Ovid und dem 11. Gesang von Homers Odyssee
Die Supraporte wird von links nach rechts von einem Segment des Zodiakus durchzogen, in dessen Mitte gut sichtbar das Sternzeichen des Zwillings steht. Es bildet das Motto der figurenreichen Szene, in der der unsterbliche Pollux nach dem Tod seines Zwillingsbruders Castor Jupiter um seine Sterblichkeit bittet.
Das Zwillingspaar Castor und Pollux war aus der Verbindung Ledas sowohl mit Jupiter als auch mit ihrem Gemahl König Tyndareus von Sparta hervorgegangen. Nur Pollux war wie sein göttlicher Vater unsterblich, Castor hingegen wie sein königlicher Vater sterblich. Als Castor im Kampf starb, bat Pollux Jupiter auch ihn sterben zu lassen. Jupiter erlaubte ihm, die Unsterblichkeit zu teilen, indem die Zwillinge ihre Tage gemeinsam abwechselnd auf dem Olymp und im Hades verbringen durften.[25]
Beschreibung und Vorlage
Von links tritt Pollux mit stürmisch vorwärtsdrängendem Schritt ins Bild. Er war soeben bei den drei Parzen, um zu verhindern, dass der Lebensfaden seines Bruders Castor endgültig zertrennt würde. Während seine Rechte noch die Hand der Parze Atropos umfasst, öffnet sich sein linker Arm bittend zu Jupiter, der ihm gegenüber mit Krone, Blitzbündel und Adler auf dem Thron sitzt. Zwischen Pollux und Jupiter liegt am unteren Bildrand der tote Castor. Sein Kopf ist seiner Mutter Leda zugewandt, die mit dem Schwan neben Jupiters Thron kniet. Hinter ihr lehnt nachdenklich Neptun an seinem Dreizack.
Das Gemälde folgt sehr treu einer Radierung von Johann Esaias Nilson nach einem heute verlorenen Fassadenfresko von Johann Evangelist Holzer am Haus des Augsburger Verlegers Johann Andreas Pfeffel. Der Gegenstand der Radierung wird in Legende benannt als „Die brüderliche Liebe unter der Fabel des Castor und Pollux vorgestellt“. Den Anlass des mehrfach kopierten Freskos gab der frühe Tod einer der beiden Söhne von Pfeffel.[26]
Der Gammertinger Maler hat nur geringfügige Abweichungen gegenüber Holzer, beziehungsweise Nilson vorgenommen. So fehlt bei ihm am linken Bildrand die dritte Parze. Stattdessen hat er einen hellroten Wolkenstrudel gemalt, der die Dynamik des ebenfalls hellrot gewandeten Pollux unterstreicht. Der bei Holzer virtuos scheinbar aus dem Rahmen tretende linke Fuß des toten Castor verbleibt im Gammertinger Ölgemälde naturgemäß im Rahmen. Die von Holzer im Hintergrund zwischen Neptun und Jupiters Thron gemalten Putten ersetzte der Gammertinger Maler durch das Gesicht eines alten, an Gottvater erinnernden Mannes. Dem Wolkenstrudel am linken Bildrand entspricht am rechten Bildrand eine weitere Strudelformation.
Hinweise auf den Maler Ambros oder Anton Reiser
Der Künstler der Supraporte des Kabinetts ist nicht der der spielenden Kinder im Schlafzimmer. Auch ist die technische Machart seines Bildes eine andere. Auf dem bunten Gemälde mit Castor und Pollux scheint die grobe Leinwand durch, die auf den Supraporten en camaïeu negiert ist. Angeblich trägt die Supraporte mit Castor und Pollux die Signatur „A. R.“ die nur unter UV-Licht zu erkennen sei.[27] Herbert Burkarth (1924–2006), der sich neben seinem Beruf als Arzt mit der Kunst- und Kulturgeschichte der Stadt Gammertingen befasst hat, vermutet den örtlichen Maler Ambros oder Anton Reiser. Da es sich bei Anton Reiser vermutlich um den in Buchau malenden Joseph Anton handelt, dem die Grisaille-Supraporten zuzuschreiben sind, müsste es sich im Kabinett um dessen Bruder(?) Ambros handeln, der das Hochaltarbild der Pfarrkirche in Melchingen mit einer Kreuzigung Christi lieferte.
Programm und Synthese
Programm und Synthese
Im Treppenhaus des Gammertinger Schlosses erzeugen Bild und Raum eine ikonographische Synthese, indem die ionische, nach Vitruv apollinische Ordnung der monumentalen Säulenstellung mit Apoll als Staatenlenker und Künder eines neuen Tags am Plafond einhergeht. Den dynamisch das Firmament erklimmenden Sonnengott hat man vermutlich auf die Hochzeit des Auftraggebers Freiherr Marquard Carl Anton Speth von Zwiefalten Gammertingen mit der Freiin Maria Maximiliana Speth von Zwiefalten Hettingen im Oktober 1777 zu beziehen. Andreas Bruggers Deckengemälde, in dem die Nacht vor Apolls Lichtfülle flieht, würde die Hoffnung auf eine gute Entwicklung der Familie zum Ausdruck bringen.
Die Supraporten des gemeinsamen Appartements des Freiherrenpaars könnten sich mit den spielenden Kindern im Schlafzimmer auf den erhofften Nachwuchs beziehen. Die Supraporte im Kabinett mit dem himmlischen Zwillingspaar Castor und Pollux, das seine Tage auf eigenen Wunsch gemeinsam abwechselnd auf dem Olymp und im Hades verbrachte, könnte als Versprechen ewiger Liebe in guten wie in schlechten Zeiten ausgelegt worden sein. Als Künstler kommen für die Kinderspiele Joseph Anton Reiser, für Castor und Pollux Ambros Reiser in Betracht, die beide einer Gammertinger Malerfamilie entstammten.
Bibliographie
- Pierre Michel d’Ixnard, Receuil d’Architecture, Straßburg 1791 (als Nachdruck bei Franz, d’Ixnard, 1985, im Anhang).
- Die Kunstdenkmäler Hohenzollerns, Bd. 2: Kreis Sigmaringen, bearbeitet von Friedrich Hoßfeld, Hans Vogel und Walther Genzmer, Stuttgart 1948.
- Herbert Burkarth, Hochzeit auf Schloß Hettingen, in: Hohenzollerische Heimat, 26 (1976) S. 8–10.
- Herbert Burkarth, Geschichte der Herrschaft Gammertingen-Hettingen, Sigmaringen 1983.
- Erich Franz, Pierre Michel d’Ixnard 1723–1795. Leben und Werk, Weißenhorn 1985.
- Hubert Hosch, Andreas Brugger 1737–1812. Maler von Langenargen. Ein Beitrag zur Kunstgeschichte des Bodenseegebietes und seiner Umgebung zwischen Barock und Romantik, Sigmaringen 1987.
- Herbert Burkarth, Gammertinger Maler[familie Reiser], in: Schwäbische Zeitung, Ausgabe Sigmaringen vom 27. August 1994.
- Ausst.-Kat. Johann Evangelist Holzer. Maler des Lichts 1709–1740, Augsburg/Eichstätt/Innsbruck, 2010.
- Peter Grau, Antiker Mythos bei Holzer, in: Ausst.-Kat. Johann Evangelist Holzer. Maler des Lichts 1709–1740, Augsburg/Eichstätt/Innsbruck, 2010, S. 180–191.
- Roswita Juffinger, „Accademia del Disegno / Accademia del Nudo” – ein europäisches Phänomen des 18. Jahrhunderts, in: Zentrum der Macht. Die Kunstsammlungen der Salzburger Fürsterzbischöfe. Gemälde / Graphik / Kunstgewerbe, hg. von Roswita Juffinger, Salzburg 2011, Bd. 2, S. 639–649.
- Neue Erkenntnisse zur Stadtgeschichte, in: Stadtverwaltung Gammertingen, Stadthistorischer Rundgang, 2te Auflage: Gammertingen 2020
Einzelnachweise
- ↑ Zur Hochzeit: Burkarth, Hochzeit, 1976 sowie ders., Gammertingen-Hettingen, 1983, S. 158–160.
- ↑ Burkarth, Hochzeit, 1976, S. 9 sowie ders., Gammertingen-Hettingen, 1983, S. 160.
- ↑ Der Fruchtkasten als Vorgängerbau in: Stadtverwaltung Gammertingen, Stadtgeschichte, 2020, o. S. Dem Text dieser Broschüre liegen neue Erkenntnisse einer 2012/13 durchgeführten Grabung zugrunde, die noch nicht wissenschaftlich veröffentlicht ist. Die bischöfliche Genehmigung zum Abbruch der alten Kapelle bei KDM Sigmaringen, 1948, S. 123; ebenso bei Franz, d’Ixnard, 1985, S. 154. Der spätere Fruchtkasten schloss im rechten Winkel über der einstigen Kapelle an das Schloss an, da der Dachstuhl des Fruchtkastens in den des Schlosses hineinragte (Burkarth, Gammertingen-Hettingen, 1983, S. 157).
- ↑ Franz, d’Ixnard, 1985, S. 154–155.
- ↑ Franz, d’Ixnard, 1985, S. 154.
- ↑ Burkarth, Gammertingen-Hettingen, 1983, S. 156; Hosch, Brugger, 1987, S. 26, Anm. 177. Zu Bickel: AKL, 10 (1995), S. 495.
- ↑ D’Ixnard, Receuil, 1791, Tf. 33 untere Hälfte: „Elévation des façades du chateau de Mr le Baron deseth [= de Speth] de Gamerdingen zwiefalten es Suabe a chaque côté de la Porte de Ville ex. en 1776 ».
- ↑ Dieser einstige Gartenstreifen war in Gammertingen als „Terrasse“ bekannt (Burkarth, Gammertingen-Hettingen, 1983, S. 156).
- ↑ Die Pläne bei d’Ixnard, Receuil, 1791, Tf. 33 unten. Der Seitenflügel in Verlängerung der Kapelle wurde 1972/73 abgebrochen. Damals lag die gesamte Fassadengliederung der Stadtseite frei. https://www.bildindex.de/document/obj20448318?medium=mi05323a02.
- ↑ Burkarth, Gammertingen-Hettingen, 1983, S. 156.
- ↑ Burkarth, Hochzeit, 1976, S. 10; ders., Gammertingen-Hettingen, 1983, S. 168.
- ↑ Die heutige Lauffigur stimmt nicht ganz mit den Plänen des Architekten d’Ixnard überein. Möglicherweise wurde die Treppe später verändert, zumal das schmiedeeiserne Geländer vermutlich nicht bauzeitlich ist.
- ↑ Hosch, Brugger, 1987, S. 4 und S. 106–107, Kat.-Nr. F 13.
- ↑ Hosch, Brugger, 1987, S. 25–26.
- ↑ Hosch, Brugger, 1987, S. 106.
- ↑ Hosch, Brugger, 1987, S. 62. Zur Accademia del Nudo mit weiterer Literatur: Juffinger, Accademia, 2011.
- ↑ Hosch, Brugger, 1987, S. 62.
- ↑ D’Ixnard, Receuil, 1791, Tf. 33 untere Hälfte: „Plan du 1ier étage“.
- ↑ Franz, d’Ixnard, 1985, S. 44; Hosch, Brugger, 1987, S. 25. Siehe auch den Eintrag „Bad Buchau, Damenstift“ im CbDD (deckenmalerei.eu)
- ↑ Die Lebensdaten ließen sich bisher nur einer kommerziellen Seite im www entnehmen.
- ↑ http://kk.haum-bs.de/?id=mozyn-m-ab3-0044 und http://kk.haum-bs.de/?id=mozyn-m-ab3-0045
- ↑ Le Frappe-main ; Amours jouant (autre titre) (culture.gouv.fr)
- ↑ Sylvain Kerspern, « D’histoire & d’@rt » - Catalogue de l'oeuvre de Jacques Stella: Les Jeux et plaisirs de l'enfance (dhistoire-et-dart.com, novembre 2019)
- ↑ http://kk.haum-bs.de/?id=mozyn-m-ab3-0044
- ↑ Homer, Odyssee, 11. Gesang (in der Unterwelt), Zeilen 298–304. Außerdem Ovid, Fasti, 5. 693–720. Der Hinweis auf Ovid bei Grau, Holzer, 2010, S. 184.
- ↑ Grau, Holzer, 2010, S. 184. Außerdem Kat.-Nr. 114 in AK Holzer, 2010, S. 380–382 mit der älteren Literatur.
- ↑ Herbert Burkarth, Gammertinger Maler[familie Reiser], in: Schwäbische Zeitung, Ausgabe Sigmaringen vom 27. August 1994. Herrn Manfred Tremmel, der das Gammertinger Stadtarchiv leitet, verdankt die Autorin den Hinweis, dass sich der Zeitungsartikel auf die Supraporte des Kabinetts bezieht, auf der Herr Tremmel den Buchstaben „R“ unter einer UV-Lampe erkennen konnte.