Franzburg, Spinnweberei, Petersstraße 12
Inventarnummer: cbdd20155
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Die Gründung der Stadt Franzburg 1587 durch Bogislaw XIII. ist direkt verbunden mit idealistischen Vorstellungen eines Gemeinwesens, dessen ökonomische Basis verschiedene Wirtschaftszweige und vor allem Wollmanufakturen bilden sollten, worauf die gemalten Motive der Spinnweben verweisen.

Lage, Bau-, Funktions- und Ausstattungsgeschichte
Lage
Im städebaulichen Koordinatensystem des heutigen Franzburg befindet sich der sogenannte „Wirtschaftshof“[1] zwischen der Kirche, dem Querhaus des ehemaligen Zisterzienserklosters, und dem Rathaus, dem ehemals königlichen Amt in Gestalt einer Vierflügelanlage aus der Mitte des 18. Jahrhunderts.
Bau-, Funktions- und Ausstattungsgeschichte
„Die Geschichte der Stadt Franzburg ist unmittelbar mit dem 1587 erstmals als Frantzenburg erwähnten Schloss verbunden, das [...] nach der Reformation und der 1535 erfolgten Säkularisierung des Zisterzienserklosters als vierflügelige Anlage mit hohem Turm errichten ließ. Das nach Stettin und Wolgast drittgrößte Schloss der pommerschen Herzöge wurde 1628 zerstört und in der Folge bis 1876 restlos abgetragen. [...] Eine Identifizierung des Gebäudes anhand der Stralsunder Bilderhandschrift von 1613 oder der Lubinschen Karte von 1618, ausgehend vom verbliebenen Querhausfragment der ehemaligen Zisterzienserkirche wurde versucht. Demnach ist der heutige Bau offenbar mit den in den beiden Grafiken dargestellten, dreigeschossigen und größten Gebäude des [...] ehemaligen Wirtschaftshofes identisch.“[1]
Aufgrund bauhistorischer und restauratorischer Untersuchungen konnte man die Erbauung des Gebäudes in die Zeit um 1591 terminieren.[1] „Im 18. Jahrhundert erfolgten massive Umbauten oder Reperaturen und etwa 1811 eine klassizistische Überformung. Abermalige Umbauten sind für die Zeit um 1900 zu verzeichnen. Durch die Untersuchungen [...] sind nun bereits neue Erkenntnisse zur Raumausstattung und damit zur Nutzung der durch Fachwerkwände strukturierten Räume erzielt worden. Umfangreiche Decken- und Wandfassungen der Renaissance verweisen auf eine Verwaltungs- und Wohnfunktion.“[2]
Eine detailliertere Funktionsgeschichte des Gebäudes steht aus Mangel an archivalischer Forschung noch aus, so dass auch die bisher vorgeschlagenen Nutzungen des Raumes im Erdgeschoss zwangsläufig unbestimmt und vage blieben.
„Das Gebäude entstand als Wirtschaftsbau, im Zusammenhang mit dem ab 1580 [...] errichteten Schlossbau [...]. Den Antrag für den Neubau bekam der Maurermeister Christoph Haubitz [...].“[3] Schirmer sieht hierbei die Urfunktion des Gebäudes als Speicher, die sich unter Philipp Julius in einen Ort der Verwaltung wandelte.[4]
An dieser Stelle sei eine weitere Nutzung hinzugefügt, die möglicherweise zur Differenzierung des Wirtschaftsgebäudes beitragen kann. Aufgrund der motivischen Ausstattung des Erdgeschossraumes mit den symbolisch höchst ungewöhnlichen Spinnweben scheint der Gedanke nicht abwegig, in dem Großraum eine Produktionsstätte des ehemaligen Franzburger „Spinn- und Wollenwerks“[5] zu erkennen.
Dieser Nutzungsvorschlag würde weder die bekannten Speicher- und spätere Verwalterfunktion in Frage stellen, sondern lediglich zur genaueren Raumbestimmung beitragen.
Der Auftraggeber: Herzog von Pommern, Bogislaw XIII. (1544–1606, reg. ab 1569)

Auftraggeber der ab 1591 errichteten vierflügeligen Gesamtanlage war der damalige Herzog von Pommern, Bogislaw XIII. (1544–1606, reg. ab 1569), der seine Gründung „nach seinem Schwiegervatter / Hertzog Frantzen von Braunschweig und Lüneburg / und seinem andergebornen Sohn / genennet.“[6]
Das Bauwerk
„Das in seinen Dimensionen stattliche Gebäude ist ein zweigeschossiger, verputzter Massivbau aus Backsteinen und Feldsteinen errichtet mit einem Halbgeschoss unterhalb des Daches. Das Dach ist von der stadtseitigen Straßenseite aus betrachtet an der linken Seite als Walmdach ausgebildet und an der rechten Seite als Satteldach.“[3]
Die Anordnung und Verteilung der beiden Türen und zehn Fenster im Erdgeschoss korrespondiert in keiner erkennbaren Systematik mit der Disposition der Fensteröffnungen im ersten Obergeschoss und im Mezzanin. Dieses Gebäude ist Bestandteil des übrig gebliebenen östlichen Riegels der ehemaligen Vierflügelanlage, die Herzog Bogislaw XIII. ab 1590d [=dendrochronologisch] errichten ließ.
Ebenerdiger Produktionsraum
Der im südöstlichen Teil des Gebäudes liegende Raum zeigt ein groß dimensioniertes Volumen mit einer Länge von 7,7m, einer Breite von 4,2m und einer Höhe von 3,7m. Ungewöhnlich groß sind auch die drei hochformatigen Fenster, welche die Räumlichkeit belichten. Sie könnten ein zusätzlicher Hinweis darauf sein, dass dieser Raum ehemals als Werkstatt für Wollproduktion gedient haben könnte.
Genauso exzeptionell sind die bis heute erhaltenen Darstellungen von Spinnweben, die sich seitlich der Holzbalken befinden und malerisch die beliebten Aufenthaltsorte von Spinnen vortäuschen.
Südöstliche Wandmalerei: Spinnennetze
An der Oberseite der Ostwand sind die Darstellungen von Spinnennetzen sichtbar, die an den Balkenkanten festgeklebt sind und ein gleichförmig sich wiederholendes Dekormuster ausbilden.[7]
Warum Spinnennetze? 111 Webstühle in Franzburg
Die motivisch ungewöhnliche und deshalb inhaltlich auffällige Darstellung der Spinnweben ist zeichnerisch dokumentiert, aber in Bezug zur Räumlichkeit nicht interpretiert.[7]
In einer ersten, rein anschaulichen Ebene könnte man einerseits die Netzwerke als rein malerische Imitation, als Trompe l`oeil von dort tatsächlich hausenden Spinnen mit ihren Gespinsten auffassen.
Andererseits könnte man deren Aussage, gedanklich eingewoben in die Vorliebe von symbol- und emblemfreudiger Versinnbildlichung dinglicher Motive in der Frühen Neuzeit ebenso als Ausdruck eines „Herrscher[s] als Mitte des Reiches“[8] verstehen, ein ikonographischer Inhalt, der sich gut auf den Stadtgründer von Franzburg, Bogislaw XIII., übertragen ließe. Allerdings wäre der repräsentative Schauwert und die Aussagekraft dieser staatspolitischen Botschaft durch ihren hohen Anbringungsort kaum sichtbar und daher entwertet.
Bezieht man hingegen die gesellschafts- und wirtschaftspolitischen Überlegungen von Bogislaw XIII. mit ein, ergibt sich eine schlüssigere Erklärung des Spinnenmotivs.
Dem Herzog schwebte nämlich der „Plan [...] einer Franzburger Adelsrepublik“[9] und aufblühenden Industriestadt vor, wobei verschiedene Unternehmungen wie das Brauereiwesen und die Münze gefördert wurden.[10] Finanziell am stärksten investierten der Herzog und die Adeligen allerdings in Wollmanufakturen, so dass Zeiller 1652 von einem Städtlein sprach, „drinnen das wollspinnen / weben / wircken / und allerhand Wollenarbeit / auf der Holländer Manier / angerichtet wurde.“[11]
Von der Ernsthaftigkeit dieser Idee zeugen der Neubau von Handwerkshäusern für die Weber, die Anwerbung von Fachkräften aus Antwerpen und „aus England bezog man [sogar] zur Verbesserung der Landesheerden Schafböcke.“[12] Der „Herzog selbst besorgte Waaren, Stoff, Gerätschaften [...]. Es waren in diesem Jahr [1588] mehr Wollarbeiter in den Manufacturen, als die Stadt 200 Jahre später überhaupt Bewohner hatte. [...] Zur Zeit der größten Blüte standen in Franzburg 111 Webstühle allerlei Art, an denen mehr als 500 Menschen arbeiteten.“[12]
Die dafür notwendigen Werkstätten sind bisher noch keinem Gebäude zugeteilt worden. Vielleicht kann man diesen Erdgeschossraum aufgrund der ungewöhnlichen Motivik der dargestellten Spinnweben eine (von mehreren) Werkstätten der Textilproduktion annehmen.
Auf diese Weise wäre nicht nur ein konkret dinglicher Verweis auf das Gewerbe des Spinnens und Webens zu konstatieren, sondern zudem eine zeitgenössische Versinnbildlichung des Fleißes. Üblicherweise wird der Fleiß (Industria) bildmotivisch oft mit dem Caduceus oder einem Bienenschwarm dargestellt[13], er kann aber auch in Gestalt eines Spinnennetzes vorkommen, wie dies zum Beispiel bei Paolo Veronese in der Allegorie des Fleißes, dort allerdings eingebunden in eine Erzählung, veranschaulicht ist.[14]
Im Unterschied zu den bisherigen Vorschlägen, das Gebäude verallgemeinernd als Wirtschaftshof zu bezeichnen, könnte man über die Darstellung der Spinnennetze diese Räumlichkeit funktional differenzzierter als eine Werkstatt ansprechen.
Ob im Zuge eines dendrochronologisch datierbaren Umbaues um 1606 zu einem repräsentativen Amtshaus mit zwei Treppenhäusern auch eine Umnutzung dieser Werkstätte betroffen war, ist aus heutigem Kenntnisstand nicht zu entscheiden.
Renovierung
Bauhistorische und denkmalpflegerische Untersuchungen haben die Denkmalwürdigkeit des Bauwerkes festgestellt.
Nach dem Auszug der letzten Mieter 2009 „hat die Stadt Franzburg in den letzten Jahren unter Einwerbung von Fördermitteln in das historische Gebäude [ca. 1 Million Euro in die Wiederherstellung] investiert. [...] Derzeit [2024] befinden sich große Teile des Gebäudes noch im Rohbau, im Erdgeschoss stellt eine Galerie Kunstwerke der Künstler der Region aus.“[15] Der ehemalige Kreativraum, der eine Verbindung zum Klostergarten herstellte, wurde in der Zwischenzeit (Stand: August 2024) aufgegeben.
Bibliographie
- Bandlow, Franzburg, 1890 — Bandlow, Heinrich: Geschichte der Cisterzienser=Abtei Neuenkamp und der Stadt Franzburg, Tribsees 1890
- Dittrich, Tiersymbole, 2005 — Dittrich, Sigrid und Lothar: Lexikon der Tiersymbole. Tiere als Sinnbilder in der Malerei des 14.–17. Jahrhunderts, Petersberg 2005 (2. Auflage)
- Hamel, Bogislaw, 2024 — Hamel, Jürgen: Herzog Bogislaw XIII. von Pommern. Porträt eines bedeutenden Renaissanceherzogs, Barleben 2024
- Henkel/Schöne, Emblemata, 2013 — Henkel, Arthur/Schöne, Albert: Emblemata. Handbuch zur Sinnbildkunst des XVI. und XVII. Jahrhunderts, Stuttgart 2013
- Kratz, Städte, 1865 — Kratz, Gustav: Die Städte der Provinz Pommern. Abriß ihrer Geschichte, zumeist nach Urkunden, Berlin 1865
- Ripa, Iconologia, 2012 — Ripa, Cesare: Iconologia, Turin 2012
- Schirmer, Franzburg, 2010 — Schirmer, Jan: Franzburg, Lkr. Nordvorpommern, Petersstraße 1–2, ehemaliger Wirtschaftshof, in: KulturErbe in Mecklenburg und Vorpommern, Band 5, Jahrgang 2009, Schwerin 2010, S. 151–152
- Schirmer, Franzburg, 2023 — Schirmer, Jan: Franzburg, Petersstraße 1/2, Verwalterhaus, in: Schwerin, Landesamt für Kultur und Denkmalpflege Mecklenburg-Vorpommern, Fachbereich Archäologie und Denkmalpflege, Daten-Archiv
- Zeiller, Frantzburg, 1652 — Zeiller, Martin: Frantzburg, in: Merian, Matthäus (Hg.): Topographia Electorat Brandenburgici et Ducatus Pomeraniae [...], Frankfurt am Main, 1652, S. 56
Einzelnachweise
- ↑ 1,0 1,1 1,2 Schirmer, Franzburg, 2010, S. 151.
- ↑ Schirmer, Franzburg, 2010, S. 151. Die bisher erbrachten Ergebnisse bedürfen allerdings einer archivalischen Erforschung und Auswertung.
- ↑ 3,0 3,1 Schirmer, Franzburg, 2023.
- ↑ Schirmer, Franzburg, 2023; Bandlow, Franzburg, 1890, S. 29.
- ↑ Kratz, Städte, 1865, S. 139.
- ↑ Zeiller, Frantzburg, 1652, S. 56. Allgemein zu Bogislaw: Hamel, Bogislaw, 2024.
- ↑ 7,0 7,1 Schirmer, 2010, S. 152: Rekonstruktionszeichnung.
- ↑ Henkel/Schöne, Emblemata, 2013, Spalte 938–939.
- ↑ Hamel, Bogislaw, 2024, S. 189.
- ↑ Bandlow, Franzburg, 1890, S. 28; Hamel, Bogislaw, 2024, S. 190.
- ↑ Zeiller, Frantzburg, 1652, S. 56; ergänzend: Hamel, Bogislaw, 2024, S. 195–205.
- ↑ 12,0 12,1 Bandlow, Franzburg, 1890, S. 28.
- ↑ Ripa, Iconologia, 2012, S. 277–278.
- ↑ Dittrich, Tiersymbole, 2005, S. 505.
- ↑ Nach Info-Tafel am Objekt.