Erfurt, Statthalterei Staatskanzlei

Laß, Heiko:Erfurt, Statthalterei (Staatskanzlei), in: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, hg. von Stephan Hoppe, Hubert Locher und Matteo Burioni, München 2023, URL: www.deckenmalerei.eu/aa5ba70d-9359-4214-9336-b6414fe8531a

Inventarnummer: cbdd10236

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In der Erfurter Staatskanzlei haben sich aus der Zeit der Statthalterei vielfigurige Deckenmalereien mit einer Verherrlichung der Wahrheit von Carlo Ludovico Castelli erhalten, die ca. 1718-22 entstanden. Ferner gibt es Reste einer Wandmalerei mit Arabesken von ca. 1595.

Die kurmainzische Statthalterei in Erfurt

Kurzbeschreibung und Lage

Die ehemalige Statthalterei – heute thüringische Staatskanzlei – steht an einem dezentralen, jedoch nicht randständigen Ort der Stadt Erfurt. Die konzipierte unregelmäßige – es wurden Altbauten mit einbezogen – Vierflügelanlage wurde nicht gänzlich vollendet.

Bau-, Ausstattungs- und Nutzungsgeschichte

Die ehemalige Kurmainzische Statthalterei[1] in Erfurt wurde in den Jahren 1713-20 nach Plänen von Maximilian von Welsch von 1710/11 erbaut. Auftraggeber war Philipp Wilhelm von Boyneburg. Nach seinem Tod 1717 wurden die Arbeiten unter seinem Nachfolger Friedrich Wilhelm von Bicken 1719-1720 beendet. Von Welsch integrierte die alten Bürgerhäuser „Zum stolzen Knecht“, „Zur güldenen Flechte“ und „Zum güldenen Rost“ an der Ostseite in den Neubau. Die Häuser „Zum stolzen Knecht“ und „Zur güldenen Flechte“ gehörten 1530 dem Bierbrauer Michel Müller. Dieser ließ 1540 das Haus „Zum stolzen Knecht“ neu erbauen. Spätestens 1587 kam der Stolze Knecht an den Waidhändler Konrad Brand, der wenige Jahre später auch die Güldene Flechte erwarb, sie von Grund auf neu erbaute und mit dem Stolzen Knecht verband. Seine Erben konnten den Besitz nicht halten und die Häuser gelangten 1694 in den Besitz des damaligen Statthalters Johann Jacob Walbott. Sie wurden für ihn umgebaut und gingen nun im Neubau auf.

Zwischen 1733 und 1740 wurden die Häuser gegenüber der Statthalterei niedergelegt und dort ein Vorplatz mit zwei Wachhäusern angelegt. Nachdem Erfurt an Preußen gelangt war, erfolgten durch die neuen Machthaber 1818 bis 1825 Umbauten. Weitere Baumaßnahmen Ende des 19. Jahrhunderts, um 1930 und zuletzt 1992-95 beim Umbau zur Thüringer Staatskanzlei veränderten vor allem das Gebäudeinnere.

Architekten, Künstler

Maximilian von Welsch[2] war kurmainzischer Oberbaudirektor und Festungsbaumeister. Neben dem Ausbau von Festungen war er auch Architekt zahlreicher Schlösser und Adelssitze. Zu nennen sind die ehemalige Favorite in Mainz, die Orangerie in Fulda, die Schlösser in Biebrich und Idstein oder das so genannte Schloss Weißenstein in Pommersfelden.

Über den Maler Carlo Ludovico Castelli[3] ist wenig bekannt. Er wurde 1671 geboren und ist 1738 verstorben. Eine Monografie zu seiner Person steht bislang aus. Er entstammte der Castelli-Linie aus Melide, deren Mitglieder überwiegend als Stuckateure tätig waren. Er arbeitete u.a. 1694 in Bamberg, 1704-15 in Schloss Saalfeld, 1707-09 in Diez, 1711-12 in Altenburg, wo er auch im Residenzschloss tätig war, 1715-19 in Kassel, 1721-22 in Schloss Arolsen, 1727-31 im Aachener Rathaus.

Beschreibung

Vom Prinzip her entstand eine annähernd regelmäßige dreigeschossige Vierflügelanlage[4] um einen Innenhof. Die Fassade mit einem dreiachsigen risalitartigen Mittelbau ist nach Süden ausgerichtet. Der Mittelbau verbindet den westlichen Neubau mit den alten Häusern im Osten. Die alte Geschosshöhe und die Fensterformen wurden weitgehend am Neubau aufgenommen, ebenso ein Erker. So gelang eine weitgehende Symmetrie der Fassade. Mittelbau und Westflügel zeigen jedoch einen reicheren Fassadenschmuck wie etwa Fensterverdachungen. Das Eingangsportal wird von zwei kräftigen Hermen flankiert, die einen Balkon tragen. Sie stehen vor toskanischen Pilastern. Das Obergeschoss zeigt ionische Pilaster, die einen Dreiecksgiebel tragen. Auf deren Postamente sind zwei weibliche Statuen gesetzt. Auf dem Gebälk unter dem Giebel ist das Wappen des Kurmainzer Kurfürsten Lothar Franz von Schönborn angebracht.

Das Innere barg im Eingangsflügel an der Südseite im ersten Obergeschoss die Repräsentations- und Wohnräume des Statthalters. West- und Nordflügel nahmen Wirtschaftsräume und Stallungen auf. Eine geplante Orangerie im Ostflügel wurde nicht realisiert. Der gegenwärtige Ostflügel stammt von 1993/94.

Hinter dem Mittelportal befindet sich ein Vestibül mit Treppenhaus, das den zentralen Hauptsaal im ersten Obergeschoss erschließt. Von diesem aus erstrecken sich nach Westen die ehemaligen Repräsentationsräume bzw. Staatsgemächer im Neubau und nach Osten die ehemaligen Privaträume im Altbau.

Forschungsstand

Der Forschungsstand zur ehemaligen Statthalterei ist gut,[5] die Deckenmalerei wurde bislang nicht eingehender betrachtet.

Das Treppenhaus

 

Bau-, Ausstattungs- und Nutzungsgeschichte

Vestibül und Treppenhaus[6] sind miteinander verbunden. Beiderseits der Durchfahrt bzw. des Vestibüls befinden sich zwei Treppenaufgänge. Nur der linke im Westen ist ursprünglich, der östliche wurde 1816 entfernt und 1993/94 rekonstruiert. Doch auch der westliche Treppenlauf stimmt heute nicht mit den Planungen von Welschs überein und wurde entweder anders ausgeführt oder später verändert.

Beschreibung

Das Vestibül mit dem Treppenhaus ist in drei auf vier Achsen untergliedert. Die mittlere Achse nimmt die Durchfahrt auf, die beiden äußeren die Treppenläufe. Die erste Achse hinter dem Eingang ist frei, die drei hinteren nehmen an den Seiten die Treppenläufe auf. Bei der Treppe selbst handelt es sich um zwei dreiläufige Treppen mit zwei Wendepodesten und einem Zwischenpodest. Das Treppenhaus erschließt direkt den Hauptsaal über dem Vestibül. Die Decke ist in mehrere rechteckige Felder unterteilt, die den Achsen entsprechen. Sie wird an den Kreuzungspunkten von Pfeilern getragen.

Die Deckenmalerei im Vestibül und im Treppenhaus

Befund - Entstehungs- und Erhaltungsgeschichte

Zehn Felder der Decke im Vestibül und über den Treppenläufen nehmen Deckenbilder[7] in Stuckrahmen auf. Die Malerei wurde 1994 freigelegt und Schadstellen wurden retuschiert. Zu sehen sind Vögel vor Wolken. Die Wolkenmalerei ist in Mischtechnik fresco-secco erfolgt, die Vögel sind secco aufgetragen.

Beschreibung und Ikonographie

Von den zehn Feldern haben zwei eine annähernd ovale und acht eine überwiegend rechteckige Form. Die Malerei zeigt durchweg Wolkenhimmel, meist mit verschiedenen Vögeln. Diese sind sowohl naturgetreue Wiedergaben als auch fiktive Darstellungen.

Im Folgenden werden die einzelnen Bilder von Süden nach Norden benannt, wobei die Gemälde im östlichen Register am Anfang und jene im westlichen am Ende stehen. Das südöstliche Feld zeigt eine Eule, die von fünf Vögeln bedrängt wird, das mittlere Feld im östlichen Register eine Amsel, einen Eisvogel sowie einen Eichelhäher und das nordöstliche Feld eine Elster, einen Säbelschnäbler und zwei weitere Vögel. Der fehlende Kopf der Elster wurde 1994 ergänzt. Das mittlere Register zeigt im südlichen Feld hinter dem Eingang braune Wolken mit zwei Vögeln, das folgende ovale Feld ist leer. Das mittlere Feld präsentiert drei Vögel, das folgende ovale Feld über der Ausfahrt in den Hof ist wieder leer. Die Malerei in der Südwestecke zeigt drei Vögel, das folgende Feld lediglich Wolken und das Feld in der Nordwestecke zwei Vögel.

Der Hauptsaal

Bau-, Ausstattungs- und Nutzungsgeschichte

Der Hauptsaal[8] der Statthalterei war 1717 beim Tode von Boyneburgs noch nicht vollendet; die Wand- und Deckendekoration fehlten. Der bildhauerische Schmuck sowie der Stuck wurden 1718-22 nach Vorlagen von Giovanni Pietro Castelli (in Thüringen meist als Johann Peter bezeichnet) durch Gottfried Gröninger geschaffen. Der Maler ist archivalisch nicht fassbar, Motive und Stil verweisen aber eindeutig auf Carlo Ludovico Castelli. Der Saal wurde später häufig restauriert bzw. überarbeitet, so bereits 1796 und 1850. Tiefere Eingriffe verursachten die Arbeiten 1961 und 1976. 1992/93 erfolgte eine umfassende Restaurierung, auf die der gegenwärtige Zustand zurückgeht, der so weit wie möglich dem des 18. Jahrhunderts entspricht.

Beschreibung

Der zweigeschossige Saal hat eine fast quadratische Grundfläche von 205 Quadratmetern und eine Höhe von 9,43 Metern. Diese Form wird durch eine eingeschossige Empore an der Nordseite verunklärt, unter der sich der Treppenaufgang befindet. Sie nimmt mit vier Metern Tiefe fast ein Viertel des Raumes ein. Unter dieser Empore hindurch wird der Saal von Norden aus betreten.

Die Wände werden von marmorierten korinthischen Kolossalpilastern gegliedert und sind darüber hinaus bis auf zwei zentrale Kamine mit Spiegeln an der Ost- und Westwand schmucklos. Fenster befinden sich sowohl im Norden als auch im Süden. An der Ost- und Westseite führen jeweils zwei Türen auf einen hofseitigen Korridor im Norden bzw. zu Appartements an der Südseite. Die Empore diente Musikern oder auch Zuschauern bei feierlichen Veranstaltungen im Saal zum Aufenthalt.

Die Decke des Hauptsaals

 

Befund - Entstehungs- und Erhaltungsgeschichte

Die Stuckdecke[9] ist symmetrisch gegliedert. Die Stuckaturen wurden wohl von Gottfried Gröninger aus Münster nach einem eigenen Entwurf oder wahrscheinlicher nach einem von Giovanni Pietro Castelli ca. 1718-1722 geschaffen. Die Castelli sind aktenkundig für andere Räume belegt.

Beschreibung und Ikonographie

Die Stuckdecke nimmt in ihrem Spiegel ein großformatiges Deckengemälde auf. Es wird von vier nierenförmigen Gemälden in der Voute begleitet. Stuckierte Engel in der Voute verweisen auf das Hauptbild oder halten Posaunen. Die gemalten Monogramme „C L F“ in den Ecken sind von stuckierten Kurhüten bekrönt. Sie stehen wohl für „Churfürst Lothar Franz“, den damaligen Landesherrn und Mainzer Erzbischof.

Die Herrschaft der Göttlichen Weisheit
 

Befund - Entstehungs- und Erhaltungsgeschichte

Das Gemälde[10] wurde zwischen 1718 und 1722 vermutlich von Carlo Ludovico Castelli geschaffen. Zahlreiche hier dargestellte Figuren findet man fast identisch in anderen seiner Deckenmalereien, etwa in Altenburg. Das Gemälde wurde in einer Mischtechnik Fresco-Secco mit Kaseinzusatz aufgetragen. Die Inkarnatbereiche haben eine Untermalung in Grüner Erde. Träger des Putzes sind auf Bretter aufgenagelte Schilfmatten. Der auf den Unterputz aufgetragene Feinputz lässt die 24 Tagwerke deutlich erkennen. Es lassen sich rote Vorzeichnungen nachweisen, aber keine Ritzungen im Putz. 1993/94 wurde die Malerei letztmals restauriert.

Beschreibung und Ikonographie

Das figurenreiche Gemälde hat die Herrschaft der Göttlichen Weisheit zum Thema. Sie sitzt an zentraler Stelle auf einem goldenen Thron. Ihr Kopf wird von einem Nimbus umfangen und sie schaut verzückt nach oben. Vor ihrem Herzen trägt sie eine Sonne. In der Linken hält sie eine Kartusche, bei der es sich um einen Spiegel handeln dürfte, in der Rechten ein Zepter mit Auge im Strahlenkranz. Mit ausgestrecktem Zeigefinger verweist sie auf dieses Auge.

Zu Füßen des Throns ruht ein goldener Löwe, der damit als sein Bestandteil charakterisiert ist. Links des Throns lagert die Personifikation der Christlichen Kirche mit Bibel, Kreuz und Kelch. Ihr sind links drei weitere Figuren beigegeben: Eine Mutter mit Kind und eine Person mit erhobenen Armen, die zum Himmel emporschaut. Es handelt sich um die Tugenden der Liebe und der Hoffnung. Rechts des Throns sitzt die Personifikation des Alten Bundes mit Schleier auf dem Kopf und einem Tempelmodell in der Hand. Sie wendet sich von der Weisheit ab und einer Frau mit Schwan im Arm zu, die rechts von ihr steht. Es könnte sich um die Reinheit handeln.

Links über der Göttlichen Weisheit reitet ein Engel mit der Flamme der Erkenntnis auf dem Haupt und einem Pfeil in der Hand auf einem gezäumten Löwen herbei. Rechts von ihr ruht ein weiterer Engel mit Pfeil in der Hand auf einer Wolke. Bei ihm ist eine Ziege. Löwe und Ziege stehen im christlichen Sinne beide für die Stärke und beschützen die Weisheit. Dabei steht der Löwe eher für den Neuen Bund, die Ziege eher für den Alten Bund, was mit den Darstellungen der Christlichen Kirche links und des Alten Bundes rechts übereinstimmt.

Unterhalb des Throns lagern 19 Frauengestalten auf Wolken. Nicht alle haben eine allegorische Bedeutung, einige sind vermutlich nur aus formal-kompositorischen Gründen vorhanden. Sieben weitere Figuren sind unterhalb der Wolken zu sehen. Links der Christlichen Kirche befindet sich eine Dreiergruppe. Die linke hält ein erhobenes Schwert in der Hand. Es dürfte sich um die Tugend der Gerechtigkeit handeln. Ihre Waage hält der kleine Engel zu ihren Füßen. In der Mitte befindet sich die Personifikation der Ewigkeit mit dem Ring Ouroboros in der Hand. Sie blickt die Gerechtigkeit an. Rechts von ihnen sitzt die Weisheit. Diese Tugendpersonifikation blickt zu den beiden anderen Frauen zurück. Um ihren linken Unterarm windet sich die sie kennzeichnende Schlange. Unterhalb der Gruppe sitzt eine Frau mit Trense in der Hand. Sie hat ihren Blick auf die Dreiergruppe über sich gerichtet. Sie steht für die Tugend Mäßigung. So sind links der Göttlichen Weisheit nahezu alle sieben Tugenden (3 theologische und 4 Kardinaltugenden) vorhanden. Lediglich die Stärke bzw. Tapferkeit wurde durch die Ewigkeit ersetzt.

Die Personifikation der Stärke als Tugend mit der Säule befindet sich rechts unterhalb des Throns zusammen mit vier weiteren Frauengestalten. Eine von ihnen hält einen Lilienstängel im Arm und ist damit als Personifikation der Keuschheit zu identifizieren, die anderen beiden sind ohne Attribute. Links der Gruppe sind zwei Frauen mit einem Lamm zu sehen. Die eine trägt einen Lorbeerkranz, die andere liebkost das Tier. Sie stehen für die Siegreiche Reinheit. Links von der Gruppe sitzt eine Frau, die den Betrachter direkt anschaut. Sie hält ein Herz in der Hand und steht für die Tugend der Aufrechten Liebe. Die Frau unter ihr mit Pinienzweig in der Hand verweist auf Fruchtbarkeit. Die links der Gruppe sitzende Frau mit Keule und Säulenschaft wendet dem Betrachter den Rücken zu. Sie personifiziert die körperliche Stärke (im Unterschied zur Stärke als Tugend).

Vier weitere Frauen sind unter der Gruppe mit Stärke und Keuschheit angeordnet. Ganz rechts liegt eine halbnackte Frau mit Stundenglas und Granatapfel in den Händen. Auch sie blickt die Betrachtenden an und steht für die zeitlich Begrenztheit der Fülle. Links neben ihr lagert eine Frau mit Feuerschale. Sie blickt zur Weisheit auf und kann als Verweis auf die Reinigung und Erneuerung des Lebens verstanden werden. Direkt unter ihr erkennt man eine Frau mit Rose und Fasces, die Macht und Stärke in der irdischen Liebschaft verkörpert. Die Frau ganz links hält ein Glöckchen in der Hand und soll vermutlich die Weihe personifizieren.

Unter den Wolken schwebt eine Frau mit Pfau – dem Symbol der Unsterblichkeit – im Arm. Sie drückt sieben stürzende Personen unter sich in die Tiefe. Es handelt sich um sterbliche Laster, die von den unsterblichen Tugenden auf den Wolken ferngehalten werden. Man erkennt u.a. Neid und Habsucht. Es erscheint verlockend, mit den Figuren die sieben Todsünden zu assoziieren, was aufgrund fehlender Attribute aber nicht möglich ist.

Programm

Das Hauptgemälde ist auf eine Ansichtigkeit von der Südseite des Raumes her ausgerichtet. Es erschließt sich dem Besucher also erst beim Verlassen des Saals. Er verlässt dann den Saal, in dem die Göttliche Weisheit herrscht und bewegt sich in jenen Raum, in den die Laster verstoßen werden. Er muss sogar noch eine Treppe hinunter in eine noch tiefere Ebene. Das gesamte Figurenprogramm versammelt jene Tugenden, die zum Erkennen der Göttlichen Weisheit vonnöten sind. Und diese Weisheit soll selbstverständlich auf den Kurfürsten Lothar Franz von Schönborn, dessen Monogramme in den Ecken zu sehen sind, bezogen werden. Ihm und seinem Statthalter in Erfurt ist die Göttliche Weisheit zu eigen.

Vorlage

Das Gemälde folgt im oberen Teil weitgehend einem Fresko von Andrea Sacchi im Palazzo Barberini in Rom, das die Göttliche Weisheit darstellt. Das Werk wurde öfters kopiert und Castelli muss nicht in Rom gewesen sein, um von diesem Werk inspiriert worden zu sein.

Bemerkenswert sind einige Veränderungen in der Ikonografie, die wohl nicht auf mangelndes Verständnis des Künstlers, sondern Vorgaben des Auftraggebers zurückgehen. Die Personifikation der Weisheit ist nahezu unverändert übernommen. Die sie umgebenden Personen tragen aber nicht – wie in Rom – die göttlichen Attribute. Die Jünglinge zum Schutz der Weisheit sind fast identisch wiedergegeben, der Hase rechts wurde aber gegen den Ziegenbock vertauscht. Die anderen Personifikationen halten andere Attribute und wurden teilweise auch anders platziert. So wurde rechts der Weisheit der Flammenaltar der Heiligkeit durch einen Tempel ersetzt. Eine formale Übernahme ist aber eindeutig.

Die vier Nebenbilder

Befund - Entstehungs- und Erhaltungsgeschichte

Die vier Gemälde[11] wurden ebenfalls zwischen 1718 und 1722 geschaffen und die Malerei wird ebenfalls Carlo Ludovico Castelli zugeschrieben. Auch diese Malerei wurde 1993/94 letztmals restauriert. Sie ist in einer Mischtechnik Fresco-Secco mit Kaseinzusatz aufgetragen. Träger des Putzes sind auf Bretter aufgenagelte Schilfmatten. Der auf den Unterputz aufgetragene Feinputz lässt die jeweils zwei bis drei Tagwerke deutlich erkennen.

Beschreibung und Ikonographie

Die vier nierenförmigen Medaillons zeigen sitzende allegorische Frauengestalten, die von Putten umgeben sind. An der Südseite gegenüber dem Eingang fällt der Blick des Besuchers zuerst auf eine Allegorie der Weisheit und Wissenschaft. An der Ostseite ist eine Allegorie des Reichtums zu sehen, an der Westseite wird die Architektur personifiziert. An der Nordseite erblickt man eine Allegorie der guten Regierung.

Vorlagen

Die Darstellungen folgen ebenfalls Vorlagen, die teilweise abgewandelt wurden. Die Allegorie der Architektur etwa geht auf das 1690 von Charles Perrault veröffentlichte „Cabinet des Beaux Arts“ zurück bzw. eine der späteren Auflagen bzw. Nachdrucke.

Weisheit und Wissenschaft

Die Weisheit und Wissenschaft werden als Minerva mit Helm und Schild (ohne Medusenhaupt) dargestellt, deren schlangenumwundenes Schwert ihr eine der drei Putten entgegenhält. Über eine Mauer hinweg fällt der Blick auf einen Garten mit einem großen Gartenhaus. Die Figur der Minerva geht auf Pietro da Cortonas Darstellung von Minerva und Kekrops zurück, wohl vermittelt über einen Stich von Cornelis Bloemaert.

Reichtum

Der Reichtum wird als eine Frau mit Gold, Perlen und Geschmeide in beiden Händen dargestellt. Vier Putten halten ebenfalls Schmuck und Perlen. Die Gruppe hält sich in einer Säulenarchitektur auf.

Architektur

Die Architektur ist als Frau dargestellt, die sich an eine Säule lehnt, vor der ein roter Vorhang weggezogen wurde. Links erblickt man hinter einer Balustrade einen Garten. Die Personifikation hält einen Grundriss in der Hand. Dabei wird sie von drei Putten unterstützt. Eine vierte Putte steht hinter der Balustrade. Links im Vordergrund liegt ein Kapitell. Die Allegorie geht - wie erwähnt - auf Charles Perrault zurück.

Gute Regierung

Die Gute Regierung wird durch eine Frau im gelben Gewand personifiziert. In ihrer rechten Hand hält sie einen Lorbeerkranz. Links vom ihr bringen Putten zwei Kronen herbei. Im Hintergrund ist ein Obelisk zu sehen, der für Ruhm und Ehre steht. Eine Putte trägt das Horn der Fama, um den Ruhm der Guten Regierung zu verkünden.

Das westliche Vorzimmer

 

Das Vorzimmer im Staatsappartement

Westlich des Saals folgte ehemals ein Appartement, bestehend aus drei Räumen: Einem Vorzimmer (1711 Antichambre genannt), einem Audienzzimmer (Chambre d‘Audience) und einem Sitzungsraum (Chambre de Parade). Die Wände der Räume waren aufwendig mit Tapisserien geschmückt.[12] Erhalten haben sich in allen drei Räumen nur die Stuckdecke, aber keine Malerei.[13]

Das Vorzimmer

Das Vorzimmer ist das erste von drei in Enfilade angeordneten Räumen. Es öffnet sich mit drei Fenstern nach Süden und hat eine zusätzliche Tür zum Korridor an der Nordseite.

Die Decke des Vorzimmers

 

Befund - Entstehungs- und Erhaltungsgeschichte

Von der Decke des Vorzimmers ist der Stuck erhalten. Ferner weist der Deckenspiegel eine teilweise freigelegte Vorzeichnung für ein heute verlorenes Gemälde auf.

Beschreibung und Ikonographie

Die Stuckdecke zeigt weibliche Allegorien, denen Putten Zeichen der geistlichen und weltlichen Macht des Kurfürsten präsentieren wie etwa Mitra, Kurhut, Doppelkreuz, Rauchfass oder ein Buch.[14] In den vier Ecken der Decke sind Medaillons mit kleinen Ideallandschaften eingelassen. Das Hauptbild ist verloren. Es hat sich aber die übertragende quadrierte Unterzeichnung erhalten, die teilweise freigelegt ist.[15] Offenbar war ein figurenreiches Gemälde vorhanden. An einem Wolkenhimmel tummelten sich Personen und Putten. Die Ansichtigkeit war wohl auf den Eintretenden hin ausgerichtet.

Das östliche Eckzimmer

 

Das Eckzimmer im Appartement des Statthalters

Der Bereich östlich des Hauptsaals geht auf die Häuser der Renaissance zurück.[16] Die Räume wurden weitgehend übernommen. Hier befand sich das Appartement des Statthalters. Gemäß den Planungen von 1711 schlossen sich von West nach Ost an den Hauptsaal an: eine Garderobe, eine Chambre à coucher, ein Cabinet, eine Retirade und an der Südostecke ein Saal. Nach Norden folgten eine Chambre d’Audience und eine Chambre à coucher. Das Schlafzimmer an der Südseite des Gebäudes scheint repräsentativen Zwecken gedient zu haben, während das Schlafzimmer im Ostflügel wohl tatsächlich der Ruhe diente.

Das Eckzimmer „Saal“

Der Raum öffnet sich heute mit je drei Fenstern nach Süden und Osten. Im Westen und Norden befinden sich die Eingangstüren. Die barocke Planung sah einen tieferen Raum mit vier Fenstern an der Ostseite vor. Der Hauptzugang sollte über einen Korridor von Westen her erfolgen. Auch war nach Westen keine Enfilade vorgesehen. Man kann davon ausgehen, dass Nord- und Westwand wie auch die Decke nicht ursprünglich sind bzw. später verändert wurden. Die Säulen und Bänke der Fensternischen wurden erst 1912 freigelegt.

Heute sind die Sitznischenfenster mit vorgestellten kannelierten ionischen Säulen wieder sichtbar, ebenso die aufwendige Groteskenmalerei der Bauzeit von ca. 1590/1600 in den Fensterlaibungen. An den Kapitellen der Säulen befinden sich die Wappen des Bauherrn Konrad Brand sowie seiner Frau Christine Gebhardt,[17] was eine Datierung ermöglicht.

Die Wandmalereireste im Eckzimmer

Befund - Entstehungs- und Erhaltungsgeschichte

Die Arabesken- und Groteskenmalerei[18] in den Sitznischen wurde aller Wahrscheinlichkeit für Konrad Brand geschaffen und entstand wohl um 1590/1600 im Zusammenhang mit dem Neubau des Haues „Zur güldenen Flechte“. Die Malerei wurde in Tempera ausgeführt und zusammen mit den Nischen 1912 entdeckt. Eine Restaurierung erfolgte 1993/94.

Beschreibung und Ikonographie

Die Sitznischen der Fenster sind mit polychromer Grotesken- und Arabeskenmalerei auf ockerfarbenem Grund geschmückt. Neben zahlreichen floralen Elementen wie Blumengehängen erblickt man auch Hermen und Kartuschen, die beispielsweise einen Hermesstab oder eine Kombination von Richtschwert und Wage präsentieren.

Bibliographie

  • Literatur:
  • Bieri, Castelli, 2020. – Bieri, Pius: Die Castelli aus Melide und Bissone Ausgabe 19.02.20, in: www.sueddeutscher-barock.ch.
  • Blaha, Statthalterei, 1992. – Blaha, Walter: Vom Bürgerhaus zum Kaiserpalast. Die Kurmainzische Statthalterei in Erfurt. München 1992.
  • Blaha, Statthalterei, 2002. – Blaha, Walter: Vom Bürgerhaus zum Regierungszentrum. Die kurmainzische Statthalterei und das weimarische Geleitshaus in Erfurt. Erfurt 2002.
  • Dehio, Thüringen, 2003. – Dehio, Georg: Thüringen (Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler). Bearbeitet von Stephanie Eißing und Franz Jäger. München 2003.
  • Grobe, Welsch, 2021. – Grobe, Karsten: Johann Maximilian von Welschs Wirken in Erfurt. In: Süß, Alexander (Hrsg.): Maximilian von Welsch. Ingenieur und Architekt des Barock. Petersberg 2021, S. 96-119.
  • Overmann, Regierungsgebäude, 1912. – Alfred Overmann: Das Regierungsgebäude zu Erfurt. Der Bau, seine Geschichte, seine Bewohner. Erfurt 1912.
  • Schwarz, Welsch, 1977. – Schwarz, Herbert: Der Kronacher Barockbaumeister Maximilian von Welsch. Sein Leben und Werk. Kronach 1977.
  • Süß, Welsch, 2021. – Süß, Alexander (Hrsg.): Maximilian von Welsch. Ingenieur und Architekt des Barock. Petersberg 2021.
  • Archivalien:
  • Thüringisches Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie, Bau- und Kunstdenkmalpflege, Archiv [51.008-0760]. Erfurt. Regierungsstraße 73. ehem. Statthalterei Band I. 1960-1989.
  • Thüringisches Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie, Bau- und Kunstdenkmalpflege, Archiv [51.008-0760]. Erfurt. Regierungsstraße 73. ehem. Statthalterei Band II. ab 1990.
  • Thüringisches Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie, Bau- und Kunstdenkmalpflege, Archiv [51.008-0760]. Erfurt. Regierungsstraße 73. Bauhistorisches Gutachten. 1992.
  • Thüringisches Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie, Bau- und Kunstdenkmalpflege, Archiv [51.008-0760]. Erfurt. Regierungsstraße 73. Dokumentation 1993.
  • Thüringisches Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie, Bau- und Kunstdenkmalpflege, Archiv [51.008-0760]. Erfurt. Regierungsstraße 73. Untersuchungen und Dokumentationen II. 1990-1994.

Einzelnachweise

  1. Grobe, Welsch, 2021, S. 110-114; Dehio, Thüringen, 2003, S. 367-368; Blaha, Statthalterei, 2002; Blaha, Statthalterei, 1992; Overmann, Regierungsgebäude, 1912. Thüringisches Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie, Bau- und Kunstdenkmalpflege, Archiv [51.008-0760]. Erfurt. Regierungsstraße 73 Staatskanzlei. Dokus / Untersuchungen Band I. 1960-1989.
  2. Süß, Welsch, 2021; Schwarz, Welsch, 1977.
  3. Bieri, Castelli, 2020, S. 11-12.
  4. Dehio, Thüringen, 2003, S. 367-168; Overmann, Regierungsgebäude, 1912, S. 30-70.
  5. Grobe, Welsch, 2021, S. 110-114; Blaha, Statthalterei, 2002, S. 21-33; Overmann, Regierungsgebäude, 1912.
  6. Dehio, Thüringen, 2003, S. 368; Overmann, Regierungsgebäude, 1912, S. 53-54. Thüringisches Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie, Bau- und Kunstdenkmalpflege, Archiv [51.008-0760]. Erfurt. Regierungsstraße 73. Bauhistorisches Gutachten. 1992.
  7. Thüringisches Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie, Bau- und Kunstdenkmalpflege, Archiv [51.008-0760]. Erfurt. Regierungsstraße 73. ehem. Statthalterei Band II. ab 1990.
  8. Dehio Thüringen, München 2003, S. 368; Blaha, Statthalterei, 1992, S. 30; Overmann, Regierungsgebäude, 1912, S. 18, 54-59. Thüringisches Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie, Bau- und Kunstdenkmalpflege, Archiv [51.008-0760]. Erfurt. Regierungsstraße 73. ehem. Statthalterei Band I. 1960-1989; Thüringisches Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie, Bau- und Kunstdenkmalpflege, Archiv [51.008-0760]. Erfurt. Regierungsstraße 73. Bauhistorisches Gutachten. 1992, Dokumentation 1993.
  9. Overmann, Regierungsgehäude, 1912, S. 59; Blaha, Statthalterei, 1992, S. 30. Thüringisches Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie, Bau- und Kunstdenkmalpflege, Archiv [51.008-0760]. Erfurt. Regierungsstraße 73. Bauhistorisches Gutachten. 1992
  10. Dehio, Thüringen, 2003, S. 368; Blaha, Statthalterei, 2002, S. 26; Overmann, Regierungsgebäude, 1912, S. 58-59. Thüringisches Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie, Bau- und Kunstdenkmalpflege, Archiv [51.008-0760]. Erfurt. Regierungsstraße 73. ehem. Statthalterei Band II. Ab 1990. Thüringisches Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie, Bau- und Kunstdenkmalpflege, Archiv [51.008-0760]. Erfurt. Regierungsstraße 73. Untersuchungen und Dokumentationen II. 1990-1994. Thüringisches Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie, Bau- und Kunstdenkmalpflege, Archiv [51.008-0760]. Erfurt. Regierungsstraße 73. Bauhistorisches Gutachten. 1992.
  11. Dehio, Thüringen, 2003, S. 368; Blaha, Statthalterei, 2002, S. 26; Overmann, Regierungsgebäude, 1912, S. 58-59. Thüringisches Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie, Bau- und Kunstdenkmalpflege, Archiv [51.008-0760]. Erfurt. Regierungsstraße 73. ehem. Statthalterei Band II. ab 1990. Thüringisches Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie, Bau- und Kunstdenkmalpflege, Archiv [51.008-0760]. Erfurt. Regierungsstraße 73. Bauhistorisches Gutachten. 1992. Thüringisches Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie, Bau- und Kunstdenkmalpflege, Archiv [51.008-0760]. Erfurt. Regierungsstraße 73. Untersuchungen und Dokumentationen II. 1990-1994.
  12. Blaha, Statthalterei, 2002, S. 26.
  13. Overmann, Regierungsgebäude, 1912, S. 59-60.
  14. Overmann, Regierungsgebäude, 1912, S. 59; Blaha, Statthalterei, 2002, S. 21.
  15. Thüringisches Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie, Bau- und Kunstdenkmalpflege, Archiv [51.008-0760]. Erfurt. Regierungsstraße 73. ehem. Statthalterei Band I. 1960-1989.
  16. Dehio Thüringen, München 2003, S. 368; Blaha, Statthalterei, 2002, S. 21-30, 65.
  17. Dehio Thüringen, 2003, S. 368; Blaha, Statthalterei, 2002, S. 53.
  18. Dehio Thüringen, 2003, S. 368; Blaha, Statthalterei, 2002, S. 65. Thüringisches Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie, Bau- und Kunstdenkmalpflege, Archiv [51.008-0760]. Erfurt. Regierungsstraße 73. Untersuchungen und Dokumentationen II. 1990-1994.