Einbeck, Haus Auf dem Steinwege 11
Inventarnummer: cbdd20377
Lage: Auf OpenStreetMap anzeigen
Der Text dieses Artikels steht – ausgenommen Abbildungen – unter der Lizenz CC BY 4.0. Dieser Artikel ist lediglich eine Kopie der Originalveröffentlichung auf deckenmalerei.eu und kann veraltet sein; maßgeblich ist die dortige Originalfassung.
Aus einem Saal im ersten Obergeschoss des Patrizierhauses haben sich zahlreiche Fragmente einer ehemals raumumlaufenden Wandbespannung mit Hirtenszenen aus dem ersten Viertel des 18. Jahrhunderts erhalten.

Das Haus Auf dem Steinwege 11
Kurzbeschreibung und Lage
Das Patrizierhaus steht im nördlichen Teil der historischen Altstadt an der Westseite der Straße Auf dem Steinwege. Das traufständige Haupthaus befindet sich unmittelbar an der Straße und hat links (im Süden) eine Zufahrt zum Hof.
Bau-, Ausstattungs- und Nutzungsgeschichte
Das Gbäude stammt von 1548. Nach 1700 wurde eine Stube mit einer Leinwandbespannung versehen. Damals war das Haus im Besitz der Einbecker Patrizierfamilie Raven. Nach 1945 wurden Flüchtlinge im Haus einquartiert. 1949 ging es in das Eigentum der Stadt Einbeck über, die es von 1968 bis 1970 zum Museum umbauen ließ.[1]
Beschreibung
Der dreigeschossige traufständige Fachwerkbau ist an der Ostseite zur Straße hin im ersten und vorkragenden zweiten Obergeschoss durch einen Erker ausgezeichnet. Die Fassade ist mit zahlreichen geschnitzten Ornamenten verziert.[2]
Das sog. Erkerzimmer im ersten Obergeschoss
Bau- und Ausstattungsgeschichte
Der Saal wurde 1548 errichtet und bald nach 1700 neu dekoriert bzw. mit einer Leinwandbespannung versehen. Zwischen 1945 und 1970 erfolgte seine Umgestaltung; die Leinwandbespannungen wurden entfernt und der Fußboden angehoben.[3]
Beschreibung
Der Saal liegt im ersten Obergeschoss des Hauses. Er wird von Westen aus betreten und öffnet sich mit einem breiten Erker zur Straße im Osten. Er misst rund 6,2 auf 6,0 Meter und ist heute nach einer Anhebung des Fußbodens um 28 Zentimeter noch 3,29 Meter hoch. Der Erker hat eine Tiefe von ungefähr 1 Meter. Der ursprüngliche Fußboden hat sich erhalten, während die ehemalige kassettierte Decke verloren gegangen ist. In der Nordwestecke befand sich einst ein Ofen. Die Wände waren ehedem über einer bemalten Lambris vollständig mit einer bemalten Wandbespannung versehen.[4]
Die Wandmalereifragmente
Befund – Entstehungs- und Erhaltungsgeschichte
Die Malerei kann aufgrund der grafischen Vorlagen nicht vor 1700 entstanden sein und wurde wohl nicht für den Saal geschaffen, in dem sie bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts angebracht war. Denkbar sind entweder eine Translozierung oder eine Fertigung in einer Manufaktur ohne spezifischen Bezug zu diesem Raum. Ursächlich für diese Vermutung war für Imke Beer bereits 2007 der Umstand, dass die Wandbespannungen oben und unten zur Anbringung nachträglich umgeschlagen bzw. gekürzt werden mussten. Ferner zeigen Fotografien, die den Zustand vor 1945 dokumentieren, dass die Bildszenen nicht durchläufig waren, sondern teilweise ohne Übergang unmotiviert aneinandergesetzt wurden. Die jetzt (2025) identifizierten grafischen Vorlagen untermauern die Vermutung Beers. So befanden sich vor 1945 Abschnitte aus derselben Vorlage auf unterschiedlichen Wänden, was auf eine nachträgliche Neuanordnung einzelner Bildfelder hindeutet. Die erhaltenen Wandbespannungsreste bestehen aus mehreren senkrechten Gewebestreifen, die miteinander vernäht sind. Sie sind wohl ohne Grundierung in Öltechnik bemalt worden. Zu einem unbekannten Zeitpunkt ist diese Malerei überarbeitet bzw. restauriert worden. Es lassen sich Übermalungen und Flicken sowie ein partieller Firnisauftrag nachweisen. 1949 oder im Zuge der Umbauten von 1968/70 wurde die Wandbespannung abgenommen und größtenteils auf dem Dachboden des Hauses gelagert. Lediglich drei Kompartimente wurden zu zwei Feldern zusammengefügt und an die Nord- und Südwand des Saals genagelt. Die restlichen 14 Fragmente wurden erst 2006 wieder entdeckt und anschließend gereinigt, gesichert und erfasst. Sie befinden sich heute im Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege in Hannover. Zwei weitere vor Ort auf der Wand erhaltene Fragmente wurden unter der Verkleidung an der Ostwand gefunden.[5]
Beschreibung und Ikonographie
Die Wandbespannung war auf eine Leistenkonstruktion aufgebracht und bedeckte oberhalb einer Sockelzone die gesamte Wandfläche einschließlich der Türflügel. Unter der Deckenverschalung haben sich die ursprünglichen Aufspannleisten erhalten.[6] Anhand historischer Fotografien und der erhaltenen Fragmente konnte die Malerei 2007 von Imke Beer rekonstruierend beschrieben werden. Hauptthema der Wandmalerei waren ländliche Hirtenszenen in einer mitteleuropäischen Hügellandschaft. Gewässer und Seen, Sträucher und Wälder sowie verschiedene teilweise ruinöse Architekturen wurden von Menschen, Nutztieren und zahlreichen Vögeln belebt.
Die Sockelzone selbst war kassettiert. In die hölzernen Kassetten war jeweils im oberen Bereich ein Muschelornament gemalt, unter dem sich ein Blumenfeston befand.[7] Den oberen und unteren Abschluss der umlaufenden Malerei bildete jeweils ein gemalter Streublumenfries mit u.a. Rosen, Narzissen und Blättern. Oben waren die Blumen auf einen ockerfarbenen Fond gemalt und durch einen roten Streifen vom Bildbereich getrennt; unten war der Fond dunkelbraun und der Trennstrich ockerfarben. Im Bereich der Zimmertür variierte der untere Fries.[8]
Die ehemalige Malerei an der Südwand
Von der Südwand haben sich fünf Fragmente erhalten, die einen Großteil der ehemaligen Malerei umfassen. Ehemals erblickte man an der Südwand ganz links (neben dem Fenster) einen Teich inmitten eines Wäldchens. Ein (vermutlich) Reiher hielt einen Fisch im Schnabel, während auf einem Ast ein Greifvogel saß. Hinzu kamen weitere, teilweise auch exotische, Vögel. Im Vordergrund hatte ein Hund offenbar den Greifvogel bemerkt und fletschte seine Zähne. Am gegenüberliegenden Ufer weideten ein Stier und zwei Schafe, die vermutlich von einem Berittenen gehütet wurden, der im seichten Wasser des Teiches ritt. Im Hintergrund erhoben sich ein hoher Wald sowie ein Hügel mit einer Windmühle. Ein Paar war im Begriff Korn zum Mahlen zu bringen: Der Mann trug einen schweren Sack, die Frau einen Korb oder ein Gefäß auf ihrem Kopf. Im Vergleich zu dieser Szene waren auf dem Hügel vor der Mühle Hühner und ein Greifvogel in zu großen Proportionen gemalt. Weiter rechts schloss sich ohne schlüssigen Übergang ein weiterer Malereiabschnitt an, der die rechte Hälfte der Wand bedeckte. Dieser wird heute abzüglich der oberen und unteren Friese an der Südwand im linken Bereich präsentiert. Auch hier ist ein Teich zu sehen, auf dem ein Schwan schwimmt. Am vorderen Ufer befindet sich ein Enten- oder Gänsepaar. Ziegen und Schafe sowie ein Stier haben sich am Wasser versammelt. Am jenseitigen Ufer sitzt ein Flötenspieler auf einem Stein; es dürfte sich dabei um den Hirten handeln. Ein Hirtenjunge mit Stab hat sich im Vordergrund an einen Stein gelehnt. Am ehemals rechten Rand der Südwand steht der ruinöse Butterfassturm einer Festung. Links von ihm treffen im Mittelgrund zwei Mönche in braunem Habit vor einer lichten Baumgruppe auf eine vornehm gekleidete Frau. Diese Gruppe hat ebenso wie die beiden Hirten andere Proportionen als die übrigen Figuren und wirkt wie nachträglich hineingemalt. Vor der Burg reitet eine Frau aus dem Bildausschnitt hinaus. Sie wird von einem Hund begleitet und hält einen Stab, um Schafe und Ziegen zu treiben.[9]
Die ehemalige Malerei an der Westwand
Von der ehemaligen Wandbespannung der Westwand sind sechs Fragmente erhalten. Ein großer Teil, der sich ursprünglich links der Tür befand, wird heute rechts an der Südwand gezeigt. Hier sind die oberen und unteren Friese verloren. Rechts davon folgen die Bespannungen der Türflügel, ein schmaler Streifen rechts der Tür sowie das Feld oberhalb der Tür. Ferner haben sich zwei rechts anschließende Felder erhalten, die unten bis zum Ofen und oben bis zum Wandabschluss reichten. Die ehemalige Malerei an der Tür der Westwand begann mit der heute an der Südwand rechts dargestellten Szene: Eine Hirtenfamilie ist im Begriff aufzubrechen. Die Frau sitzt auf einem weißen Pferd, der Mann führt mit einem Stab in der Hand einen Esel, auf dem ein Hund auf Tüchern liegt; ein Kind kümmert sich um diesen. Vor ihnen stehen drei Schafe, die im Verhältnis zu den Menschen auffallend klein dargestellt sind. Hinter der Gruppe erhebt sich ein Hügel, auf dem sich ein Hahn und eine Henne befinden. Auf den Bäumen eines Wäldchens sitzt ein Pfau. Alle Vögel sind proportional zu groß gemalt. Rechts der Hirtenfamilie in der Bildmitte (vor der Tür) war eine Stadt zu sehen. Hinter ihr erhob sich ein Berg mit einer Burg. Auf dem Gewässer vor der Stadt segelte ein kleiner Mensch in einem kleinen Segelboot. Am Ufer stellte ein weiterer Mann mit hochgekrempelten Hosenbeinen seine Füße ins Wasser und suchte dort etwas zu erschlagen. Darüber hinaus waren am vorderen Ufer drei Jäger auf der Rückkehr von der Jagd auszumachen. Am anderen Ufer erblickte man eine Frau inmitten von Tieren vor einem Erdwall mit Zaun und Tor. Offenbar begann hier eine Burg, die sich den Hang hinaufzog.[10]
Die ehemalige Malerei an der Nordwand
Die Malerei der ehemaligen Nordwand ist in zwei Fragmenten nahezu vollständig erhalten und präsentiert noch heute, wie vor 1945 (abzüglich der Blumenfriese), links zwei Stiere und mehrere Schafe vor einem dichten Wald sowie einen hochaufragenden Turm. Das rechts anschließende Stück weist keine formale Verbindung zu diesem Teil auf. Vor einem (wohl antiken) Monument hat sich ein Hirtenpaar inmitten seiner Rinder und Schafe niedergelassen. Auch ihr Hund fehlt nicht. Die Szene wird rechts gegen das Fenster von einer weiteren Ruine abgeschlossen. Das Monument, dessen Spitze offenbar fehlt, zeigt an seinem ausschwingenden Sockel und dem beginnenden Schaft mehrere Reliefs, darunter ein Leierspieler und eine Büste. Auf der Spitze sitzen eine weiße und eine schwarze Taube. Auf den Bäumen im Hintergrund erscheinen verschiedene exotische Vögel sowie ein Specht. Auch den Himmel beleben Vögel. Im Bildvordergrund ist unproportional klein ein spinnendes Paar dargestellt. Der ganz rechte Bereich der Wandbespannung ist verloren.[11]
Die Malereireste an der Ostwand
An der Ostwand konnte Beer 2007 lediglich links oberhalb des Fensters einen Rest des Blumenfrieses feststellen.[12] Inzwischen ist auch eine szenische Darstellung an der linken Ecke des Erkers freigelegt worden: Vor einem Baum steht ein Paar. Die Frau links trägt eine Kiepe mit Blumen, der Mann rechts zeigt mit dem Finger auf ihr Dekolletee und trägt eine Art Uniform.
Vorlagen und Translozierung
Externes Bild
Roos/Kilian: Ländliche Szene mit Hirtenpaar
Bild beim Anbieter ansehen
Externes Bild
Roos/Kilian: Ländliche Szene, Hirte zu Pferd weidet seine Herde an einem Fluß
Bild beim Anbieter ansehen
Externes Bild
Roos/Kilian: Ländliche Szene mit Viehherde im Fluss
Bild beim Anbieter ansehen
Externes Bild
Roos/Kilian: Ländliche Szene mit aufbrechender Hirtenfamilie
Bild beim Anbieter ansehen
Vorlagen und Translozierung
Als grafische Vorlagen für einen Großteil der Wandmalerei dienten vier Stiche von Georg Kilian nach Johann Heinrich Roos aus dem frühen 18. Jahrhundert mit Hirtenszenen. Die Westwand geht in ihrem rechten Teil auf einen Stich zurück, der einen Reiter mit seiner Herde vor einem Turm zeigt. Seine Darstellung als Frau in Einbeck ist vermutlich das Ergebnis einer späteren Übermalung. Der gesamte Bereich links des Stiers ist weitgehend eine Invention des örtlichen Künstlers. Lediglich der Reiter am anderen Ufer des Teichs und das zu ihm gehörende Vieh geht auf einen weiteren Stich zurück. Als Hinzufügungen gelten sämtliche Vögel sowie Tiere und Menschen, die in von den Hauptfiguren abweichenden Proportionen ausgeführt sind. Die Hirtenfamilie an der Westwand folgt einem weiteren Stich. Der Bereich rechts des Pferdes, auf dem die Frau sitzt, ist ebenso eine Erfindung des örtlichen Künstlers. Die Gruppe bewegt sich auf der Vorlage auf eine Brücke mit Brückenturm zu, vor dem Vieh lagert. Dieser Turm mit dem Vieh wurde in Einbeck an den linken Bereich der Nordwand gesetzt. Der rechte Teil der Nordwand mit den Hirten vor dem Monument basiert auf einem vierten Stich, dem weitgehend gefolgt wurde. Auch hier sind alle Vögel sowie Tiere und Menschen in von den Hauptfiguren abweichenden Proportionen Ergänzungen.
Der Umstand, dass sich zwei Szenen aus einem Stich im 20. Jahrhundert an zwei verschiedenen Wänden befanden, legt die Vermutung nahe, dass eine ursprünglich der Stichvorlage folgende Darstellung zerschnitten und für den Saal neu zusammengesetzt und ergänzt wurde. Möglicherweise sind erst zu diesem Zeitpunkt die Vögel, Personen und Tiere in abweichenden Proportionen hinzugefügt worden.
Bibliographie
- Literatur:
- Kellmann, Einbeck, 2013. – Kellmann, Thomas: Stadt Einbeck (Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland. Baudenkmale in Niedersachsen. 7.3). Petersberg 2013.
- Archivalien:
- Beer, Einbeck, 2007. – Beer, Imke: Eine spätbarocke Wandbespannung im Stadtmuseum Einbeck. Geschichte – Terminologie – Erhaltungszustand. Interdisziplinäre Facharbeit Hildesheim 2007.
- Beer, Einbeck, 2008. – Beer, Imke: Eine spätbarocke, in Fragmenten wiederentdeckte Wandbespannung aus dem Stadtmuseum in Einbeck. Konzeptentwicklung zur Annäherung an den vorherigen Zustand. Diplomarbeit Hildesheim 2008.
- NLD, Restaurierungsakten, 031-6039-033-96. – Niedersächsisches Landesamt für Denkmalpflege, Hannover, Sammlung der Restaurierung; 031-6039-033-96. Ldkr. Northeim, Stadt Einbeck, Auf dem Steinwege 11.Städtisches Museum.
Einzelnachweise
- ↑ Kellmann, Einbeck, 2013, S. 215. NLD, Restaurierungsakten, 031-6039-033-96; Beer, Einbeck, 2007, S. 34-35, 48; Beer, Einbeck, 2008, S. 18-20.
- ↑ Kellmann, Einbeck, 2013, S. 350.
- ↑ Kellmann, Einbeck, 2013, S. 215. Beer, Einbeck, 2008, S. 19-20.
- ↑ Kellmann, Einbeck, 2013, S. 215. Beer, Einbeck, 2008, S. 6, 13-16; Beer, Einbeck, 2007, S. 71.
- ↑ NLD, Restaurierungsakten, 031-6039-033-96. Beer, Einbeck, 2008, S. 6, 10, 16, 18-23; Beer, Einbeck, 2007, S. 5, 32-36, 48, 72.
- ↑ Beer, Einbeck, 2008, S. 12, 15; Beer, Einbeck, 2007, S. 72.
- ↑ Beer, Einbeck, 2008, S. 12; Beer, Einbeck, 2007, S. 15-16.
- ↑ Beer, Einbeck, 2008, S. 13, 16; Beer, Einbeck, 2007, S. 29.
- ↑ Beer, Einbeck, 2008, S. 10; Beer, Einbeck, 2007, S. 16-22, 79.
- ↑ Beer, Einbeck, 2008, S. 10; Beer, Einbeck, 2007, S. 22-26, 80.
- ↑ Beer, Einbeck, 2008, S. 11; Beer, Einbeck, 2007, S. 25-27, 81.
- ↑ Beer, Einbeck, 2007, S. 15, 78.