Diepenau, ehem Haus Lange Straße 44

Laß, Heiko:Diepenau, ehem. Haus Lange Straße 44, in: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, hg. von Stephan Hoppe, Hubert Locher und Matteo Burioni, München 2024, URL: www.deckenmalerei.eu/34617358-1952-423b-a56e-f446942735a1

Inventarnummer: cbdd20023

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Aus einem abgerissenen Haus in Diepenau hat sich eine grau-blaue Grisaillemalerei aus der Zeit um 1750 erhalten. Sie zeigt überwiegend Szenen aus dem Alten Testament. Auftraggeber und Künstler sind unbekannt.

Das ehemalige Haus Lange Straße 44 in Diepenau

 

Die Entdeckung der Wandmalerei 1987

In Diepenau wurde 1987 ein Teil des Hauses Lange Straße 44 umgebaut. Bei den Arbeiten fand man ein Kabinett mit Wandmalerei auf Spanntapete, geborgen unter mehreren jüngeren Tapetenschichten.[1] Diese konnten gesichert werden und befinden sich heute im Quaet-Faslem-Haus in Nienburg. Die historische Funktion des Hauses in Diepenau ist ebenso unbekannt wie sein ehemaliger Bewohner bzw. der Auftraggeber der Malerei.

Das Diepenauer Tapetenzimmer und seine Malerei

Das Kabinett

Der relativ kleine Raum[2] von 3,64 auf 2,95 Metern ist aus Diepenau weitgehend gerettet worden und wurde zusammen mit Fensterrahmen, Tür und Fußbodenleisten im Quaet-Faslem-Haus in Nienburg nachgebaut. Dort wurde die anschließend restaurierte Wandbespannung wieder angebracht. Die Wände des Kabinetts waren mit einem sorgfältig geglätteten Lehmputz versehen. Auf diesen wurde die Leinwand genagelt. Es handelte sich um ca. 60 Zentimeter breite Leinwandbahnen, die aneinander geklebt waren. Die Kaseinmalerei ist anschließend vor Ort ausgeführt worden, wie heruntergelaufene Farbspuren belegen.

Die Malerei

Der Meister der Malerei ist unbekannt – es wird ein Wanderkünstler vermutet. Die Malerei wird aus stilistischen Gründen auf ungefähr 1750 datiert. Sie ist in grau-blauen Farben gehalten und zeigt kräftige große Rocaillen. In diese sind im unteren Bereich vornehmlich großformatige Szenen aus dem Alten Testament eingefügt. Die Personen werden durch wenige Accessoires definiert und stehen meist auf einem angedeuteten Boden. Ein Raum wird darüber hinaus nicht geschaffen.

Der Raum hat zwei Fenster, von denen eines dem Eingang gegenüberliegt. Auf diese Wand fällt der Blick der Eintretenden zuerst. Links des Fensters wird auch die chronologisch erste Szene gezeigt: Der Traum des Jacob von der Himmelsleiter. Rechts des Fensters erblickt man die chronologisch gesehen letzte Szene: Moses schlägt Wasser aus dem Felsen. Direkt neben der Szene an der Wand zur rechten neben dem Fenster ist eine zeitgenössische Person zu sehen: ein Geistlicher vor einer Bücherwand. Man hat in dieser Darstellung den Auftraggeber erkennen wollen, was jedoch nur eine Vermutung bleibt. Rechts des folgenden Fensters sieht man Moses, der sich duckt. Diese Haltung bezieht sich auf die Darstellung des Pharaos an der Eingangswand neben der Tür. Er droht dem Moses. Auf der anderen Seite der Tür sieht man einen bärtigen Mann vor Schriftrollen. Oft wurde gemeint, in ihm Moses auf dem Berg Sinai erkennen zu können, wie er die 10 Gebote erhält. Die Darstellung des Mannes unterscheidet sich jedoch deutlich von den anderen eindeutigen Moses-Darstellungen im Raum, sodass es sich eher um einen Gelehrten handeln dürfte. Die Wand links ohne Fenster zeigt Moses und Aaron vor dem Thron des Pharao während der Froschplage.

Der Traum Jakobs von der Himmelsleiter

Die Geschichte von Jakobs Traum von der Himmelsleiter ist die Geschichte der Erlösung eines Sünders. Er hat seinen Bruder um den Segen des Vaters betrogen und ist auf der Flucht. In einer Traumvision sieht er Engel in den Himmel eine Leiter auf- und niedersteigen und erblickt Gott, der ihm Nachkommenschaft und Land verheißt. Die Betrachtenden sehen den schlafenden Jakob am Boden liegend. Hinter ihm kommt die Leiter vom Himmel herab. Zwei Engel auf ihr sind frontal zum Betrachter hin dargestellt und weisen mir erhobenem rechten Zeigefinger zum Himmel hinauf. Damit verweisen sie auf Gott. Sie haben keine Flügel, was wohl dem Rationalismus jener Zeit geschuldet ist, denn aufgrund der Leiter werden die Flügel überflüssig. Jakob selbst wird das von Gott gelobte Land nicht erhalten sondern viel mehr in Ägypten sterben. Seine Nachkommen werden dort Sklavendienste leisten müssen.

Moses schlägt Wasser aus dem Felsen

Man sieh die Gruppe von Moses und Aaron auf einem angedeuteten Erdboden stehen. Aaron steht rechts und ist dem Betrachter frontal zugewandt, ohne Blickkontakt mit ihm aufzunehmen. Links von ihm steht Moses, nach links zum Fenster hin gewendet. Er hält in seiner Rechten einen erhobenen Stab, der über den Rocaillerahmen hinausreicht. Aufgrund seiner Locken, die ihm gleich Hörnern auf dem Haupt stehen, ist Moses klar zu identifizieren. Es handelt sich um jene Szene des Exodus, in dem er auf Gottes Geheiß für das dürstende Volk Israel Wasser aus dem Felsen schlägt. Der Fels ist an Stelle des Fensters zu sehen. Moses führt Gottes Willen aber unkorrekt aus; vor allem behauptet er, dass er selbst und Aaron das Wasser aus dem Fels bringen würden und nicht Gott. Beide werden daher das Gelobte Land nicht erreichen.

Ein Geistlicher

Die nächste Darstellung gehört nicht zur Reihe alttestamentlicher Erzählung. Man erkennt einen Geistlichen im zeitgenössischen Talar mir beffchenartiger Halsbinde. Er steht vor einem Bücherregal. Während seine Rechte ein Buch trägt, hat er den Zeigefinger der Linken belehrend erhoben. Man hat in dieser Darstellung den Auftraggeber sehen wollen.[3] Es kann sich jedoch auch lediglich um einen Theologen handeln, der die Darstellungen erläutert.

Moses flieht nach Midian

Zwei Malereien in einer Raumecke stellen gemeinsam eine Bilderzählung dar. An der einen Wand erblickt man Moses. Er steht leicht gedruckt und zeigt nach links, währen er nach rechts zurückblickt. Er schaut sozusagen über die Ecke hinweg auf die Darstellung des Pharao an der Eingangswand. Moses ist aufgrund seiner Locken, die ihm gleich Hörnern auf dem Haupt stehen, zu identifizieren. Vermutlich ist der Moment dargestellt, an dem er die Flucht nach Midian ergreift.

Der Pharao

An der Eingangsseite, links der Tür, erkennt man einen Mann in antikisierender Kleidung mit Turban und Krone auf dem Haupt, der als alttestamentlicher Pharao zu identifizieren ist. Er schreitet nach links und hat seine Rechte gebietend erhoben. Sein Gestus bezieht sich auf die Figur des Moses an der folgenden Wand, der sich fast unter dem Gestus des Pharaos zu ducken scheint.

Vermutlich handelt es sich um die Flucht des Moses vor dem Pharao, nachdem er einen ägyptischen Aufseher erschlagen hat.[3]

Ein Gelehrter

Auf der anderen Seite der Eingangstür erblickt man einen bärtigen Mann, der vor einem aufgeschlagenen Buch an seiner linken Seite steht. Seine Rechte ist geöffnet. Man hat in dieser Figur Moses auf dem Berg Sinai erkennen wollen,[3] was aber auszuschließen ist, da sich diese Darstellung von den sonst gleichen Mosesfiguren des Zyklus unterscheidet. Eventuell soll es sich um einen der Evangelisten handeln, doch fehlt ihm ein entsprechendes Attribut. Man kann in ihm ein Gegenstück zum zeitgenössischen Theologen erkennen.

Moses und Aaron vor dem Pharao - die Froschplage

Die Wand rechts der Eingangstür hat kein Fenster. Hier wurde eine mehrfigurige Szene dargestellt, Man erblickt Moses und Aaron vor dem Thron des Pharao während der Froschplage. Links stehen als Zweiergruppe Moses und Aaron, rechts thront der Pharao. Während Moses ganz links mit der Rechten seinen Stab erhoben hat und gebieterisch auf den Ägypter blickt, steht Aaron leicht hinter ihm und hat seinen linken Zeigefinger Aufmerksamkeit erheischend erhoben. Moses ist durch seine hörnerartigen Locken gut zu identifizieren. Der Pharao sitzt auf einer die Szenerie rahmenden Rocaille und trägt einen Turban mit Krone. Vor ihm auf dem Tisch hüpfen Frösche - die zweite der zehn Plagen. Der Pharao blickt skeptisch und erlaubt dem Volk Israel nicht, Ägypten zu verlassen.

Zusammenfassung und Synthese

 

Der Zyklus kann in seiner konkreten Bedeutung nicht erklärt werden, solange keine Kenntnisse über die Funktion des Raumes, des Hauses und den Beauftragenden vorliegen. Inhaltlich geht es offenbar darum, dass das Volk Israel zuletzt das Gelobte Land erhält, auch wenn es vorher leiden musste. Gott erfüllt seine Versprechen, wenn auch nicht zwingend sofort. Diese Interpretation ist aufgrund des Traumes Jakobs und der Darstellungen Moses wahrscheinlich, auch wenn die Ankunft in Kanaan selbst nicht Gegenstand einer Darstellung ist. Der zeitgenössisch gewandete Theologe und sein eher antikisch gewandetes Pendant in den einander gegenüberliegenden Raumecken können bisher nicht in Funktion auf diese Aussage gedeutet werden. Eventuell handelt es sich bei dem einen um jene Person, die die Ereignisse aufgeschrieben hat und bei der anderen um jene, die sie in der Gegenwart rezipiert und anderen zugänglich macht. Bemerkenswert ist, dass Moses nicht mehr mit Hörnern gezeigt wird, sondern mit Locken an ihrer Stelle. Auch dass die Engel keine Flügel haben, da sie eine Leiter benutzen, fällt auf. Es geht um eine gewisse Wirklichkeitsnähe der Darstellung, die Übersinnliches vermeidet und dem Rationalismus der Zeit geschuldet ist.

Auffallend sind die Qualitätsunterschiede zwischen Rocaillen und figürlichen Darstellungen. Stahl vermutet, dass sie nach Vorlagen gemalt wurden, die figürlichen Darstellungen aber eigene Schöpfungen des unbekannten Künstlers waren.[3] Die Rocaillen erinnern an Johann Wolfgang Baumgartner, Martin Baur oder auch Johanes Esaias Nilson. Während die Gewänder gelungen erscheinen, offenbaren die Extremitäten Unsicherheiten und anatomische Fehler. Stahl hat daraus geschlossen, dass die Themen vom Auftraggeber vorgegeben wurden und nicht auf Vorlagen fußten. Ihm ist zuzustimmen.

Da die Blaumalerei in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts sehr beliebt war und die Rocaillen an die Zeit um 1750 erinnern, wird die Malerei in Diepenau auf ca. 1750 datiert. Später werden in der Region andere Formen verwendet und man wendet sich von der Blaumalerei ab hin zu einer grünfarbigen Malweise.

Als Künstler werden wandernde Maler vermutet. Diese erledigten ihre Aufträge schnell und effizient. Dieses vorgehen zeigt sich auch in Diepenau, da die Arbeiten so schnell ausgeführt wurden, dass die zu dick aufgetragene Farbe nach unten lief und diese Partien nicht noch einmal überarbeitet wurden.[3] Dass die Künstler überhaupt im Haus Lange Straße 44 tätig wurden, könnte mit einer vermuteten Arbeit im Diepenauer Amtshaus zusammenhängen. Dieses wurde 1882 abgebrochen. In ihm übernachteten im 18. Jahrhundert die britischen Könige auf ihren Reisen zwischen Hannover und London. Es gab im Gebäude ein sogenanntes Königszimmer mit wertvollen Tapeten. Von dem „bemalten Saal“ ist jedoch nur eine Notiz bekannt. Es ist also zu vermuten, dass der Maler für diese Arbeit nach Diepenau kam und dann mit der Malerei im Haus Lange Straße 44 beauftragt wurde.[4]

Bibliographie

  • Literatur:
  • Angheloff, Abfallhaufen, 1987. – Angheloff, Tonka: Auf einem Abfallhaufen lagen unwiederbringliche Kostbarkeiten schon zum Abtransport bereit, Tapetengemälde des 18. Jahrhunderts im letzten Moment vor Vernichtung gerettet. In: Die Harke, Nienburger Tageszeitung, 16.05.1987.
  • Reitinger, Epoche, 2016. – Franz Reitinger: Die blaue Epoche. Reduktive Farbigkeit im Rokoko. Berlin 2016.
  • Stahl, Tapeten, 1989. – Siegfried Stahl: Die Diepenauer Tapeten - Ein bedeutsamer Fund. Nienburg 1989.

Einzelnachweise

  1. Reitinger, Epoche, 2016; Stahl, Tapeten, 1989; Angheloff, Abfallhaufen, 1987..
  2. Reitinger, Epoche, 2016, S. 178; Stahl, Tapeten, 1989.
  3. 3,0 3,1 3,2 3,3 3,4 Stahl, Tapeten, 1989.
  4. Reitinger, Epoche, 2016, S. 178; Stahl, Tapeten, 1989; Angheloff, Abfallhaufen, 1987.