Burghausen, Institur der Englischen Fräulein, Institutskirche Hl. Schutzengel


Dieser Text stammt aus: Bauer, Hermann/Rupprecht, Bernhard: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, Band 9: Landkreis Altötting. Hirmer, München 2003, ISBN 978-3-7774-9690-0, S. 70–74, geschrieben von Böhm, Cordula. Original (Passwortgeschützt)
davordanach

Institutskirche der Englischen Fräulein

Pfarrei St. Jakob Burghausen, Stadt Burghausen, Diözese Passau; z. Z. der Ausmalung Erzbistum Salzburg, Archidiakonat Baumburg; an der Kirche bestand eine Herz-Jesu-Bruderschaft.

Patrozinium: Hl. Schutzengel (2.9.

Zum Bauwerk: Am 6.5. 1683 Gründung der Englischen Fräulein in Burghausen durch Helena Catesby, eine Gefährtin der Ordensgründerin Maria Ward, und die Burghauser Bürgers tochter Philippine Baumfelder im Geburtshaus Philippines am Stadtplatz. 1731/35 Abriß der alten Baumfelder- und Perger Häuser und Neubau eines geschlossenen Baukomplexes mit Erweiterung der Kapelle zu einer Kirche in den Hof hinein. Am 25.5.1731 wurde die Kirche in der Mitte des Klosters mit 2 Seitenaltären und Sepultur genehmigt. Am 29.5.1731 wurde der erste Stein gelegt, jedoch nur für das Kloster, »maßen der Kirchenbau auf ein ander Jahr erst vorgenommen wirdet« (Marianna Catharina von Compagni an Leopold Anton von Firmian, Fürsterzbischof von Salzburg). Der Plan für den Kirchenbau lag zwar schon vor und wurde vom Archidiakon in Baumburg dem Erzbischöflichen Konsistorium gegenüber lobend als eine » anständig hoch- licht und formliche Kürcher welche, soviel ich aus dem Grundriß zu ersehen gehabt, in de Lenge 59, in der Breite 39 Schuh bekommen soll«, beschrie ben, der Platz sollte jedoch noch exakt bestimmt werden, und 10 bis 12 Werkschuh von der Vorgängerkapelle versetzt. 1732 wurden schon 10000f. Baukosten verrechnet und das angrenzende Mayrsche Haus, das seit 6 Jahren zum Verkauf stand, für Schulräume und Kostkinder dazu erworben. 1735 wurden der Baumeister und die Bauleute noch mit kleineren Summen unter den normalen Ausgaben geführt; d.h. der Bau war zu diesem Zeitpunkt vollendet (BHStA, GL 418 Nr. 94). Der Bau wurde aus eigenen Mitteln, ohne Hilfe der Stadt, geführt. Baumeister war Martin Pöllner, Gerichtsmaurermeister von Trostberg, den die Oberin gegen den Protest der Burghauser Stadtmaurer durchsetzte (der Hofbau- und Stadtmaurermeister Johann Baptist Canta und der Hofzimmermeister Melchion Österl richteten zwei Beschwerden am 18.4. 1731 an den Kurfürsten mit dem Hauptargument, daß bei Feuers- und anderen Gefahren die ansässigen Handwerker jederzeit in Bereitschaft stehen, die auswärtigen aber nicht greifbar sein würden; StAM). Die Stuckierung ist Joseph Hepp zuzuschreiben. Am 11.9.1746 Weihe durch Jakob Ernst Graf von Liechtenstein, Fürsterzbischof von Salzburg (Gedenktafel an der Eingangs wand rechts). Am 6. 5. 1765 Weihe der beiden Seitenaltäre. Saalraum (11,20×8,20 m) zu zwei Jochen, stark eingezogener AR (8,00×5,30 m) zu einem Joch mit halbrundem Schluß. Gliederung durch flache Pilaster. Die LHs-Wände haben in jedem Joch zwei übereinanderliegende oratorienähnliche Öffnungen zu anschließenden Räumen, eine davon dient als Kanzel. Belichtung der Kirche von W durch drei Fassadenfenster und im AR durch zwei hohe Rundbogenfenster.

Auftraggeber: Marianna Catharina von Compagni, Oberin des Instituts Burghausen (1726–51). Großzügige Stiftunger zum Kirchenbau und seiner Einrichtung machte Baron Georg Joseph von Manstorff aus Linz (* ca. 1677 † 1763), Vater von zwei Institutszöglingen, die 1727 bzw. 1729 in das Institut eintraten: Johanna (* ca. 1710, Profess 1729, Oberin 1751–59) und Josepha von Manstorff (* 1712, Profeß 1730, Oberin 1759–73). In der Hauschronik von 1763 wird berichtet, der Baron sei »weylandt unserig hiesigen Hauß allergröst und einziger Guetthätter gewesen« (S. 41; Franz, S. 399). Auf die Manstorff verweist auch ihr Familienwappen am Chorbogen in einer prächtigen Stuckkartusche vor einer Fülle von kleinen Wolken. Zwei Putten halten ein Schriftband mit den Initialen G. J.- S. R. I. L. B. D. - M. et T. (Georgius Josephus - Sacri Romani Imperii Liber Baro De Manstorff et Taxberg).

Autor und Entstehungszeit: Innozenz Anton Warathi (* Trens bei Sterzing, † 1758 Burghausen, siehe S. XX und XX) 1732/34. Signatur in Fresko A: Innocentius / Waräthy f:.

Befund

Träger der Deckenmalerei A und B: Tonne mit Stichkappen. Rahmen: A und B Stuckprofil, reich mit vergoldeten Blumen und Spangen verzierter Rahmen im mit Bandwerkstuck dekorierten Gewölbe; in den Ecken Puttenköpfchen auf Wolken. Technik: Fresko und Secco; polychrom. Maße: A Höhe 11,54 m; 6,00 × 3,80 m. B Höhe 9,90 m; 2,50 × 2,50 m.

Erhaltungszustand und Restaurierungen: Für 1857, 1882, 1928, 1947 und 1968 sind Renovierungen belegt. Letzte Restaurierung 1988/89 durch Kirchenmaler Friedrich Riedel, Marktl. Die Deckenbilder waren »bis zur Unkenntlichkeit verrußt« und partienweise mit Ölfarbe übermalt. Fehlsteller wurden restauriert und eingestimmt, ein Scheitelriß geschlossen, die Signatur in A wurde aufgedeckt. Die originale Stucktönung grau auf neapel- bzw. oxidgelbem Grund wurde unter fünf und mehr Fassungen freigelegt und wiederhergestellt. Die Ölvergoldung an den Blumenranken des Freskorahmens wurde auf Wunsch der Englischen Fräulein belassen. Fresko A zeigt wieder im großen ganzen die originale Malerei, während

 
 

Das Chorfresko ist stark überarbeitet; vom barocken Fresko ist nur noch die Komposition erhalten. Die Deckengemälde weisen deutliche Beeinträchtigungen auf (BLfD, Gutachten Kratzsch vom 6.6.89).

Beschreibung und Ikonographie

A ANBETUNG DER KÖNIGE Die Komposition ist tafelbildmäßig aufgebaut; kaum Untersichten bzw. Verkürzungen. Das Bildfeld ist restlos angefüllt mit Figuren: im Himmel ist Gottvater mit unzähligen Engeln und Engelsköpfchen, im irdischen Bereich eine große Menge Volks, die sich zwischen Stall und der Hintergrundskulisse mächtige Säulen aufragen, deuten ein paar Balken ein Stallgerüst an, von dem Kletterpflanzen hängen. Die Heilige Familie befindet sich vor dieser Räumlichkeit an einer Treppe. Maria tritt auf ein Strohbündel, Ochs und Esel und zwei Schafe schauen über einen barocken Ziersockel (mit der Signatur Warathis) zu. Dort beugen sich auch zwei Hirten mit Schlapphüten herein. Es sieht aus, als müßten sie klettern, um auf dem überfüllten Schauplatz noch unterzukommen. Vor der Heiligen Familie knien anbetend die Heiligen Drei Könige. Balthasar neigt sich vor Maria nieder, er hat die Krone und einen Goldpokal auf die Erde gestellt. Er trägt ein rotes Kleid, einen schwarzen Umhang mit Hermelinkragen und goldene Ketten mit Medaillon und Halbmond sowie eine Brosche an der Brust. Er ist der europäische Herrscher. Der zweite hält die Hand vor die Brust und geht in die Knie. Es ist der orientalische König Melchior im weißen, kettengeschmückten Turban mit Bartpinsel. Er trägt eine goldbestickte Tunika und einen weiten blauen Umhang. Sein vor ihm kniender Page hält das Geschenk, ein goldenes Gefäß. Kaspar, der Mohrenkönig, steht hinter den beiden. Er hat ein rotes Gewand, einen goldenen Mantel und einen Turban aus weißer und grüner Seide, geschmückt mit Krone und goldenen Ketten und Perlen; eine Perle ziert auch sein Ohr. Neben ihm stehen zwei Pagen. Die Gewänder des königlichen Zuges sind kunstvoll verziert mit Brokatstickereien, Blumenmustern und Goldborten. Der Maler hat sich hier in Einzelheiten vertieft, die mit bloßem Auge vom Boden aus nicht zu erkennen sind. Zum Gefolge gehören auch noch Männer und Frauen in orientalisierendem Aufzug. Die letzte Reihe des Figurengedränges bilden Pferde- und Kamelköpfe. Dahinter erkennt man die graurosa Kulisse einer Stadt aus prächtigen Steinbauten – gemeint ist Jerusalem.

Im westlichen Bilddrittel schwebt Gottvater auf Wolken, die von Putten getragen werden, Putten drapieren auch seinen gelben Mantel. Er blickt zur Geisttaube auf. Von dieser geht ein Strahl zu seinem Zepter, das mit dem Auge Gottes im Dreiecksnimbus bekrönt ist, und von hier im Zickzack weiter zum Stern mit Kometenschweif, der am Stall stillsteht.

 
A Anbetung der Könige (Innozenz Warathi 1732/34)

Die meisten Gesichter sind idealisierend gestaltet und auf das göttliche Ereignis konzentriert. Unter den vielen Köpfen der Zuschauer kann man in zweien Porträts vermuten. Porträts sind in der Regel durch individuelle Merkmale gekennzeichnet, die Porträtierten richten den Blick vom Geschehen weg auf den Betrachter. Der eingeklemmte Kopf mit schwarzem Barett am Stallpfosten könnte der Maler sein, in dem auffallenden Mann rechts im blauen Überwurf mit Turban und Feder ist möglicherweise dem Baron Manstorff ein Denkmal gesetzt worden.

Die Farben sind bunt und festlich vor einem grauen, eher stumpfen Hintergrund. Das Motiv des knienden Königs dürfte Warathi aus dem Seitenaltarbild Johann Caspar Sings im Passauer Dom verwendet haben (Goerge 1998).

HERZ JESU – VEREHRUNG DURCH DIE NEUN ENGELCHORE

Das kleine kreisrunde Deckenbild sitzt im Scheitel der runden Altarraumkuppel. In einer Strahlenglo riole erscheint das Herz Jesu im Dornenkranz, aus ihm steigen Flammen und ein schwarzes Kreuz. Dicht gedrängt umringer die Vertreter der neun Engelchöre das Herz. Am östlichen Bildrand schüttet ein Putto eine Menge von bunten Blumen über den Rahmen, die die Gnadenfülle für die Mitglieder der Herz-Jesu-Bruderschaft bedeuten soll.

Die neun Engelchöre sind folgendermaßen gekennzeichnet: 1. Virtutes/Mächte. In der Mitte an ausgezeichneter Stelle ein Vertreter der Virtutes/Mächte mit lorbeerumkränztem Haupt und einem mit Lorbeer umwundenen Schwert. An der Kette hält er einen Drachen. Es folgen nach rechts: 2. Engel - ihr Vertreter ist der Schutzengel mit einem Kind. 3. Potestates/Gewalten, bezeichnet durch Zackenkrone und Fahne mit rotem Kreuz. 4. Dominationes/Herrschaften mit der Krone als Herrscherinsignie. 5. Seraphim mit brennendem Herz an der Brust, Symbol für Gottesliebe. Auf der linken Seite von oben: 6. Cherubim – Engel mit aufgeschlagenem Buch, darauf ein Auge in goldenem Dreieck. 7. Throne - Engel mit blauem Baldachin, der einen Thron umgibt. 8. Principatus/Fürstentümer – Engel mit Kurfürstenhut und Zepter auf einem Kissen. 9. Erzengel - als ihr Vertreter der Erzengel Michael in Rüstung mit Blitzen und mit dem Lilienstengel des Erzengels Gabriel in der Hand.

Die Vorlage für das Fresko war ein Kupferstich Johann Georg Bergmüllers nach einem Altarbild, das dieser um 1725 vielleicht für die Herz-Jesu-Kirche der Englischen Fräulein in Mindelheim geschaffen hatte (Abbildung in Kat. Johann Georg Bergmüller, Türkheim 1988, S. 55; Goerge 1998, S. 312). Alle Einzelheiten finden sich in dem Fresko wieder, nur daß das Hochformat in ein Rund umkomponiert wurde. Der Kupferstich gibt eine Vorstellung vom früheren Zustand des stark überarbeiteten Freskos. Zum Beispiel erkennt man das dunkelhäutige Kind beim Schutzengel auf Bergmüllers Stich als gestrichelte Schattenfigur.

Die Engelchöre sind auch Thema des Chorfreskos in Raitenhaslach. Dort sind sie mit den gleichen Attributen dargestellt, was bestimmt auf einen Kontakt zurückzuführen ist, da für die Kennzeichnung der einzelnen Chöre keine einheitliche Tradition bestand (RDK Bd 4, s. v. Engelchöre, Sp. 591–601).

Die Verehrung des Herzens Jesu geht auf eine Vision der Margareta Maria von Alacoque zurück. Sie war seit 1671 Salesanerin in Paray-le-Monial und starb 1690. Christus zeigte ihr wiederholt sein Herz, »das die Menschen so geliebt hat und mit Undank belohnt wird«. Am Fronleichnamstag 1675 erhielt sie den göttlichen Auftrag, für die Einführung des Herz-Jesu-Festes, die Sühnekommunion am ersten Freitag des Monats und die Ölbergandacht Donnerstag nachts zu wirken (LCI Bo 7, Sp. 505). Eine Andacht zum Herzen Jesu wurde schon 1702 im Institut in Burghausen eingeführt, 1713 errichtete man eine Herz-Jesu-Bruderschaft (Bruderschaftsbuch; Franz, S. 413). In Frankreich war die erste Herz-Jesu-Bruderschaft 1690 gegründet worden, in Rom erst 1729. In Deutschland erhielt die Institutskirche der Englischen Fräulein in Mindelheim 1702 das Patrozinium Herz Jesu und um 1720 einen auf das Herz Jesu bezogenen Deckenbildzyklus. Die Herz-Jesu-Bruderschaft in Burghausen gehört demnach zu den ersten in Deutschland.

Quellen und Literatur

BHStA, GL 418 Nr. 94, Special Closter Acta: Der engelländischen Fräulein zu Burghausen. Bau- und Reparationssachen, der Ankauf des Baumühler Mayrischen Hauses zu den bereits erworbenen Advokat Baumfeldischen von 1690–1732.

StAM, GL 455 Nr. 11 (Karton 46, Mappe 2): Beschwerde der Burghausener Maurer an den Kurfürsten 1731.

BlfD, Akten Burghausen, Institutskirche.

Schmid, M. Theresia, Kleine Chronik des Englischen Institutes B. M. V. zu Burghausen 1683–1826, handschriftlich zusammengestellt nach alten Chroniken und Tagebüchern, Burghausen 1888.

Meidinger, 1790, S. 47

KDB I OB (8), S. 2443.

Frimmer, M. Cölestine, Das Englische Institut in Burghausen, in: Heimatland 2, 1951, S. 74–75.

Franz, Nicola, Tätigkeit, Leben und Wirkung der Englischen Fräulein in Bayern im 18. Jh., dargestellt an den Instituten von Burghausen und Altötting, in: OA 97, 1973, S. 382–417 (mit Bearbeitung der Hauschronik der Englischen Fräulein Burghausen 1683–1731 und 1761–96).

Irrgang, M. Carmen, Institut der englischen Fräulein Burgnausen (= KKF Nr. 1393), Burghausen 1983.

Goerge, Dieter, Ein Burghauser Barockjuwel strahlt im neuen Glanz, in: Oettinger Land 9, 1989, S. 230–51.

-, Johann Nepomuk della Croce (= Burghauser Geschichtsolätter 50), Burghausen 1998, S. 316 f.

C. B

BURGKIRCHEN AN DER ALZ

 
Der Kirchenraum