Altötting, Institut der Englischen Fräulein, Institutskirche Mariä Vermählung
Institutskirche der Englischen Fräulein Neuöttinger Straße 8
Patrozinium: Hl. Joseph (neuerdings Vermählung Mariä)
Zum Bauwerk: 1721 Gründung einer Niederlassung der Englischen Fräulein von München aus, gefördert von Kurfürst Max Emanuel. Zunächst bestand nur eine Hauskapelle. Am 16. 3. 1734 beantragte die Oberin in München und in Salzburg den Bau einer Kirche mit der Begründung, alle anderen Marianischen Institute haben bereits eine, und sie haben die Gelegenheit, ein an das Institut angrenzendes Anwesen käuflich zu erwerben. »Als gereicht an Euer H. G. mein fußfällig demiettigistes Bitten, mir zu gestatten, ein dem Heil. Nährvater Joseph widtmendes Kürchlein aufzurichten, selbes mit dreien Altären auszurichten wie nitweniger darunder eine sogenante Sepultice zu Beerdigung deren abgeleibten Intitutsmitglieder verförtigen zulassen.« Zum Consens des Salzburger Konsistoriums am 28.6. 1734 kam am 9.7. 1734 die Genehmigung Kurfürst Karl Albrechts mit der Bedingung, daß die Heilige Kapelle in keiner Weise gottesdienstlich oder finanziell benachteiligt werde (BHStA, GL 3108 Nr. 48). Grundsteinlegung am 4.8. 1735 durch Propst Gelasius Ludwig von Gars, Vollendung des Baus und Benedizierung im Oktober 1737; feierliche Weihe 3.5. 1765 durch Sigismund Graf von Schrat tenbach, Fürsterzbischof von Salzburg (Weihetafel an der linken Wand der Vorhalle).
Eintrag am Tag der Grundsteinlegung in der Institutschronik: »Paudirector in disen Kürch Pau ist der wohledle Herr Augu stin Widtmann, Maurermaister Joseph Leprer Pallier« (frdl. Mitteilung M. Winefried Leeb IBMV). Ein Maurermeister Augustin Widtmann ist unbekannt. Mit Bauangelegenheiten befaßt war der Sekretär Augustin Widmann in Tüßling, der au die Planung Einfluß genommen haben kann (s. S. 224). Bei dem ausführenden Maurermeister handelt es sich um ein Mitglied der über Generationen als Maurerpaliere tätigen Familie Leperer aus Lebern bei Halsbach (frdl. Mitt. Fritz Demmel). Die Stuckierung der Kirche kann Joseph Hepp zugeschrieben werden, sie ist - für 1737 relativ konventionell - ganz in Bandwerkornamentik gehalten, kann aber, was Formenreichtum und Uppigkeit betrifft, als eine der besten Arbeiten Hepps gelten. Der seit ca. 1731 in Neuötting ansässige Pfleggerichts- und Stadtmaurermeister Joseph Hepp († 9.6. 1743 Neuötting) ist als Maurermeister nachweislich nicht tätig gewesen, sondern nur als Stuckator. Er war der Nachfolger von Matthias Weidinger (1685/1703) und Joseph Estner (1703/29). Durch die Heirat mit Hepps Tochter Franziska ging die Maurergerechtigkeit 1743 an Johann Reismayr († 1754) und nach dessen Tod an Franziska Hepps zweiten Mann, Anton Hechel († 1798). Durch die Lage zwischen zwei Gebäudetrakten war der Bauplatz für die Kirche beschränkt. Hoher fast schachtartiger Raum auf rechteckigem Grundriß (12,00×8,60 m; 11,80 m hoch), der sich über drei Joche und drei Geschosse erstreckt. Gliederung durch relativ kräftige Wandpfeiler mit Doppelpilastern. Doppelempore im W. An den Seitenwänden drei stöckige Oratorien. Wände und Gewölbe tragen reichen Bandwerkstuck in Gelb, Rosa und Grau, die Flächen sind teilweise netzartig überzogen mit Band- und Gitterwerk, teils tritt der Stuck stark plastisch hervor: an Kapitellen, Achsen unterhalb der Bögen und besonders an der Ostwand, die statt eines Altarprospekts Altargemälde, Auszugsbild und Altarfiguren in eine architektonische Ordnung bringt, was dem Raum die Wirkung eines höfischen Saals verleiht. Die Ähnlichkeit des Kirchenraums mit dem von Tüßling (S. 225) ist bemerkenswert


Auftraggeber: Maria Elisabeth von Giggenbach, erste Oberin des Instituts (1721–49)
Autor und Entstehungszeit: Zuschreibung an Johann Philipp Lederer (* 1690 Altötting † 1754 Altötting) 1737. In einer späteren Chronik des Instituts wird als Maler »Herr Libert« vermerkt (frdl. Mitteilung Christoph Niedersteiner). Die Zuschreibung erfolgt aufgrund von Zeichnungen und Entwürfen Johann Philipp Lederers, die sich zusammen mit einem Selbstporträt im Wallfahrts- und Heimatmuseum Altötting befinden. Ein Großteil der Zeichnungen sind zwar in die frühen Jahre des Malers, um 1710/20 zu datieren, aber seine Hand ist doch unverkennbar, ebenso wie seine stilistische Ausrichtung an der Münchner Schule um 1700 (Andreas Wolff, Johann Degler, Johann Anton Gumpp). Am deutlichsten zeigt das Altarbild den Stil des jüngeren Lederer; die Deckenbilder sind ziemlich überarbeitet. Zu den Erkennungsmerkmalen gehören die kleinen relativ breiten Köpfe und faltenreichen Gewandfiguren.
Befund
Träger der Deckenmalerei: Tonne ohne Stichkappen Rahmen: Stuckprofil Technik: Seccomalerei auf Putz; polychrom Maße: A Höhe 11,80 m; 6,50 × 3,50 1–6 Höhe 11,80 m; ca. 2,00 × 1,80
Erhaltungszustand und Restaurierungen: In den KDB steht über die Deckenmalereien, daß sie »neu« seien, laut Gutachten Schmuderer waren sie »vollkommen übermalt« (BLfD 14.9.1920). Eine Restaurierung ist zur 200-Jahrfeier im Jahre 1920 belegt, bei der diese Übermalungen abgenommen wurden. In der Institutschronik heißt es: »Die Institutskirche soll nach alten Akten ein wahres Schmuckkästchen gewesen sein deshalb bestand die Renovierung 1920/21 zunächst darin, daß im Josefskirchlein wieder die ursprüngliche Ausführung hergestellt wurde«. Die originale Tönung wurde in Kalkkasein technik erneuert; an den Deckengemälden wurde die alte Freskomalerei mit Saxoniabeize freigelegt und ausgebessert. Über dem Hauptaltar wurde anstelle eines Herz-Jesu-Symbols die Inschrift »Confitemini domino quoniam bonus, quoniam in aeternum misericordia eius« angebracht (nicht erhalten). Die Leitung der Restaurierung hatte Architekt Kurz, Augsburg, die Malerarbeiten besorgte die Fa. Vitzthum und Schlee, Altötting. 1963 und 1986/87 Innenrestaurierungen durch Fa. Schlee, Altötting. Die Deckenmalereien wurden trocken mit »Wishab« gereinigt, einige Risse mit Kalkmörtel geschlossen und die Schäden auf Kalk mit Aquarellfarben eingestimmt. Unter sechs Stuckfassungen wurde die originale Tönung gesucht. Der ungefaßte Stuck war ziemlich verstaubt, woraus man folgern kann, daß die erste Farbfassung nicht zur Entstehungszeit, sondern einige Zeit später aufgetragen wurde. Sie war in leuchtendem Ocker, warmem Rosa und vermutlich drei Grautönen. Die Stuckaturen wurden entsprechend der Erstfassung von Stuckator Hans Zerle, Bad Reichenhall, restauriert. Die Deckengemälde wirken unverhältnismäßig dunkel und teilweise deutlich übermalt. Der persönliche Stil des barocken Malers ist am ehesten im Hauptfresko A zu erkennen.

Beschreibung und Ikonographie
JOSEPH-ZYKLUS Im Zentrum steht die Darstellung der Vermählung des Kirchenpatrons Joseph mit Maria, in der durch den grünenden Stab seine Erwählung offenbar wurde. Fünf Nebenbilder stellen mit Szenen aus der Kindheit Jesu seine wichtige Rolle in der Heilsgeschichte dar. Josephs Tod mit der legendären Anwesenheit Mariens und Jesu am Sterbebett ist ein beliebtes Thema auch aus dem Kult der Heiligen Familie.
A JOSEPHS VERMÄHLUNG MIT MARIA Langgestrecktes Bildfeld mit einer hochaufragenden Portalarchitektur, die sich in säulengetragenen offenen Nebenräumen verliert. Den Hintergrund bildet ein Wolkenhimmel. Die Komposition ist in reiner Frontalansicht gezeigt, ohne Untersicht. Im Gegenteil erscheinen sowohl die Architektur als auch die Figuren auffallend gelängt. Die farbliche Gestaltung ist – was Architektur, Wolken, Putten betrifft – weitgehend in rosagrau gehalten, nur das Brautpaar mit dem Hohenpriester setzt zu der Gleichtönigkeit der Komposition einen bunten Kontrast. Auf einer Treppenanlage, die eine Balustrade begrenzt, knien Maria und Joseph bei der Ringübergabe. Der Hohepriester beugt sich segnend über sie. Hinter ihm sieht man Marias Eltern Anna und Joachim, rechts zwei Tempeldiener. Der Giebel des Portals wird sozusagen gesprengt von der himmlischen Erscheinung: über der Geisttaube schweben Engel mit den Attributen Mariens und Josephs – Zwölf-Sterne-Kranz und Lilienkranz – und darüber erscheint das Dreifaltigkeitssymbol. Auch auf den Stufen streuen Putten Rosen.
I ERSTER TRAUM JOSEPHS (Mt 1,20) Ein Innenraum, in dem Joseph auf seinem Lager ruht, ein Buch ist ihm beim Einschlafen entglitten. Ein Engel nimmt ihn bei der Hand und weist auf eine himmlische Lichtquelle, die auf Marias göttliche Empfängnis weisen soll: »Joseph, Sohn Davids, scheue dich
nicht, Maria, deine Frau zu dir zu nehmen, denn was in ihr gezeugt ist, ist vom heiligen Geist.«.
2 FLÜCHT NACH ÄGYPTEN (Mt 2,13-14) Aus einem Stadttor heraus zieht die Hl. Familie – Maria mit Kind auf dem Esel, geführt von einem Engel, Joseph mit Wanderstab hinterdrein. Zurückgelassen wird die Stadt Jerusalem, die in weißlicher Ferne verblaßt. »Es erschien ein Engel des Herrn dem Joseph im Traume und sprach: Steh auf, nimm das Kind und seine Mutter und flieh nach Ägypten und bleibe dort, bis ich es dir sage, denn Herodes will nach dem Kind suchen, um es zu töten. Da stand er auf, nahm des Nachts das Kind und floh nach Ägypten und blieb dort bis zum Tode des Herodes.«
3 DARBRINGUNG IM TEMPEL (Lc 2,22-23) »Und als die Tage ihrer Reinigung nach dem Gesetz des Mose vollendet waren, brachten sie ihn hinauf nach Jerusalem, um ihn dem Herrn darzustellen, wie im Gesetze des Herrn geschrieben steht: Jedes Männliche, das den Mutterleib öffnet, soll dem Herrn heilig heißen, und um ein Opfer zu bringen, nach der Vorschrift im Gesetze des Herrn: ein Paar Turteltauben oder zwei junge Tauben.« Schauplatz ist ein halboffener Raum, am Altar steht der Hohepriester mit dem Kind, ein Tempeldiener hält das Steckkissen, hinter Maria bringt Joseph das Reinigungsopfer dar.
4 DER ZWÖLFJÄHRIGE JESUS IM TEMPEL (Le 2,41-50) Ähnliche Bildanlage wie im gegenüberliegenden Bild 3: In der Mitte sitzt mit umstrahltem Haupt der Knabe Jesus, auf den sechs Schriftgelehrte mit ihren Büchern ihre Aufmerksamkeit richten. Von hinten treten Jesus und Maria mit erstaunten Gebärden hinzu: »Kind, warum hast du uns das angetan? Siehe, dein Vater und ich suchen dich mit Schmerzen. Und er sprach zu ihnen: Warum habt ihr mich gesucht? Wußtet ihr nicht, daß ich in dem sein muß, was meines Vaters ist? Und sie verstanden das Wort nicht, das er zu ihnen sprach.«
5 ANBETUNG DER HIRTEN (Lc 2,1-20; Mt 1,25; stark übermalt) Die Hl. Familie kniet mit dem Ochsen auf der linken Seite in einer Ruine. Rechts beten drei Hirten das Kind an; Schaf und Esel knien dabei. Viele Putten und Puttenköpfchen beleben die Darstellung.
6 TOD JOSEPHS Wiederum ein ähnlicher Innenraum wie in den vorhergehenden Szenen mit Säulen und offenen Durchgängen. Joseph liegt auf dem Lager; der jugendliche Jesus stützt seinen Kopf, Maria steht betend bei ihm. Am Fußende ein Korb mit Zimmermannswerkzeug; auf den Stufen kniet ein Engel.
Thematisch gehört das Altarbild mit der Heiligen Familie zum Bildprogramm. Maria und Joseph halten das Jesuskind auf dem Arm, darüber schweben die Geisttaube und Gottvater. Es ist eine Darstellung der irdischen und der himmlischen Dreifaltigkeit. Ein Engel reicht der Hl. Familie einen Brief mit der Inschrift PRO DOMO. An der Altarwand im Obergeschoß ist ein ovales Gemälde mit der Darstellung Mariens mit dem Kind und dem Johannesknaben, darüber in einer Stuckkartu.






ALTOTTING
scheint die Inschrift ITE AD IOSEPH. Links und rechts des Altars stehen in Wandnischen die Figuren der Heiligen Ignatius von Loyola und Franz Xaver.
Der Kult der Heiligen Familie wurde populär durch die im 17. Jh. stark anwachsende Josephsverehrung mit der Ernennung des hl. Joseph 1664 zum Patron Bayerns (Michael Schmitt, in Das Kurfürst-Maximilian-Gymnasium zu Burghausen, Burghausen 1997, S. 250-53: Die Bedeutung der Studienkirche für die Entwicklung des Josefskults). In Altötting wurde der hl. Joseph in der 1674 erbauten Josephskapelle südlich der Magdalenenkirche verehrt; außerdem schmückt ein Josephzyklus den Kongregationssaal (auch Josephsoratorium genannt, s. oben). Hochverehrt von den Jesuiten, stand Joseph auch bei den Englischen Fräulein als himmlischer Fürsprecher in hohen Ehren. Nach den Archivalien war er Patron der neuerbauten Institutskirche. Der Überlieferung nach half der hl. Joseph der Oberin Elisabeth von Giggenbach aus ihrer Not, als ihr während des Neubaus die Mittel und guter Rat ausgegangen waren, indem er auf wunderbare Weise ihre Geldschatulle auffüllte (Altötting Herz Bayerns, S. 298). Auf dieses Ereignis bezieht sich die Inschrift PRO DOMO im Altarbild.
Quellen und Literatur
BHStA, Jesuitica 113–131 bzw. ca. 200–250 (Einzeljahrgänge, ab 1740 sporadisch): »Litterae annuae« (Jahrbücher der Jesuiten in Altbayern).
BHStA, GL 3108 Nr. 48: Englische Fräulein Altötting. Altötting, Archiv des Instituts der Englischen Fräulein, Handschriftliche Chronik des Instituts.
Wening 1721, S. 28 f. mit Abb.
Meidinger 1700, S. 87
KDB I OB (8) S. 2406–08 (Magdalenenkirche), S. 2409 (Englische Fräulein).
Stadler, Klemens, Die Kapuzinerkirchen zu Altötting (= KKF Nr. 531), München 1950.
Handbuch des Bistums Passau 1981, S. 125, 127.
Denkmäler in Bayern, 3, S. 28f.
Becker, Peter, Altötting. Bamberg 1990, S. 57-69 (Jesuitenkirche), 91–94 (Englische Fräulein).
Dehio 1990, S. 28-30
Franz, Nicola, Tätigkeit, Leben und Wirkung der Englischen Fräulein in Bayern im 18. Jh., dargestellt an den Instituten von Burghausen und Altötting, in: OA 97, München 1973, S. 382-417 (als Quellen dienten die Hauschroniken 1721-94, 1834-51).
Altötting Herz Bayerns. 1250-Jahr-Feier, Altötting 1998, S. 282–86 (Jesuitenkirche), 297–300 (Englische Fräulein).
C.B.
ALZGERN
Pfarrkirche Mariä Himmelfahrt. Ehemaliges Beinhaus S. 38