Aachen, Neue Redoute
Inventarnummer: cbdd20370
Lage: Auf OpenStreetMap anzeigen
Der Text dieses Artikels steht – ausgenommen Abbildungen – unter der Lizenz CC BY 4.0. Dieser Artikel ist lediglich eine Kopie der Originalveröffentlichung auf deckenmalerei.eu und kann veraltet sein; maßgeblich ist die dortige Originalfassung.
Im Ballsaal der bis 1786 nach Plänen von Jakob Couven errichteten Neuen Redoute befanden sich zwei Deckengemälde mit Allegorien des Weins und der Musik, sowie ein weiteres Deckenbild im Treppenhaus. Sie sind nicht erhalten.

Die Neue Redoute
Lage, Bau- und Nutzungsgeschichte
Die sogenannte Neue Redoute wurde zwischen 1782 und 1786 nach Plänen Jakob Couvens "auf den Räumen des vormaligen städtischen Buchdruckerhauses und der daran stossenden Promenade" errichtet.[1] Der Neubau sollte einen neuen Veranstaltungsort im Aachener Kurbezirk an der Komphausbadstraße schaffen und die Attraktivität der Stadt für Kurgäste weiter befördern. Bauleiter und Eigentümer des Gebäudes waren 1782 der Bauunternehmer Johann Joseph Scheins und ab 1785 der Spielbankpächter Richard Reumont[2]. Scheins "plante das Gebäude angeblich zur Aufnahme eines großen Bildersaales" und verpflichtete sich, als Gegenleistung für die Überlassung des Baugrundstücks 1782 "nach 25 Jahren auf Verlangen der Stadt dieser das Gebäude für den Betrag der Baukosten abzutreten."[3]
Für den Neubau wurden "Steine des Marien- oder Marillenthurmes und des Besseder Mittelthores", also Material aus dem Abriss von Teilen der überflüssig gewordenen mittelalterlichen Aachener Stadtbefestigung, verwendet.[1] Die Neue Redoute löste das kleinere, fortan Alte Redoute genannte Gebäude (Komphausbadstraße 11) aus dem 17. Jahrhundert als zenrales Ball- und Veranstaltungszentrum ab, in dem "Bälle, Spiele und andere Ergötzlichkeiten" stattfanden.[4] Neben dem großen Ballsaal bot das Gebäude weitere kleinere Säle, Konversations- und Damensalons und Raucherzimmer.
1842 kaufte die Stadt das Gebäude; aus dieser Zeit stammt wohl die Bezeichnung als "Kurhaus".[5] 1863-64 wurde nach Plänen des Architekten Wilhelm Wickop (1824-1908) ein Konzertsaal "in maurischem Stile" auf der Gartenseite angebaut, um dem stetig steigenden Bedarf an Veranstaltungsräumen für das Kurpublikum zu entsprechen. [6] 1900-03 wurde das Gebäude noch einmal massiv nach Entwürfen von Joseph Laurent erweitert: Mit einer am Bau von Couven orientierten Fassadengestaltung wurde die Straßenfassade zur Komphausbadstraße um vier Fensterachsen nach Norden verlängert und ein 17 Fensterachsen langer Erweiterungsbau entlang der Couvenstraße errichtet. Die neue nordöstliche Ecke des Gebäudes wurde durch einen aus der Dachlandschaft herausstechenden Turmaufsatz mit Laterne betont.[5] Bis zur Eröffnung des Neuen Kurhauses im Kurpark an der Monheimsallee 1916 war die Neue Redoute der "Hauptvereinigungspunkt der Kurwelt", der den Kurgästen mit Bällen, Konzerten und Glücksspiel Unterhaltung bot.[7]
1943 wurde das Kurhaus durch Fliegerbomben stark beschädigt, die Innenausstattung dabei vernichtet. Die ausgebrannte Ruine wurde nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs teilweise gesichert. In den 1950er Jahren wurde der von Couven entworfene Kernbau in seinen Grundstrukturen rekonstruiert, bis 1967 wurden die Innenräume wiederaufgebaut. Dabei wurde die Stuckausstattung des Ballsaals aufwändig rekonstriert. [8]
Heute dient das Kurhaus wieder als Konzert- und Veranstaltungsort.[9]
Baubeschreibung
Der von Couven entworfene, für die Barockausstattung relevante Kern der Neuen Redoute ruht auf einem von kräftigen Pfeilerarkaden umlaufenen Erdgeschoss. Auf der der Komphausbadstraße zugewandten Straßenfassade (Westfassade) ist das Gebäude sieben Fensterachsen breit. Die mittleren drei Achsen schieben sich als Risalit leicht nach vorn; große Rundbogenfenster mit darüberliegenden kleineren Rundbogenfenstern, die sich von den schlichteren Stichbogenfenstern der übrigen Fassade abheben, zeigen die Lage des Ballsaals im Inneren an, der sich über die gesamte Tiefe des Gebäudes erstreckt. Den Rundbogenfenstern im ersten Obergeschoss ist zudem ein Balkon vorgelagert. Die abgerundeten Gebäudeecken sind mit einer horizontalen Quaderung betont. Der Mittelrisalit wird von einem geschweiften Giebel bekrönt, in dem sich ein ovales, von zwei Adler-Reliefs flankiertes Fenster öffnet. Viele dieser Gestaltungselemente wiederholen sich an der Gartenfassade (Ostfassade) der Neuen Redoute, hier wird der Mittelrisalit aber von einem schlichteren Dreiecksgiebel überfangen. Auch gibt es keinen Balkon, sondern vier Konsolen, für die aber kein Figurenschmuck belegt ist. Die Gartenfassade ist durch einen kleinen Seitenflügel, der nicht die gesamte Gebäudetiefe einnimmt, in Richtung Süden um zwei Fensterachsen breiter als die achsensymmetrische Straßenfassade. Nach oben schließt das Gebäude mit einem Mansarddach ab.
Östlich der Neuen Redoute lag ein kleiner Park mit einem Thermaltrinkbrunnen.[5]
Die Neue Redoute erscheint als Besonderheit im Oeuvre von Jakob Couven, der in Aachen, Burtscheid und Umgebung seit den 1770ern tätig war. Sein Werk waren vorrangig repräsentative Wohnhäuser, das monumentale Kurgebäude ist einer seiner größten Entwürfe und prägte sein Schaffen in den folgenden Jahren.[5] Gestaltungselemente wie die klar strukturierten, unverschörkelten Fassaden mit großen Stichbogenfenstern und die mit einer Quaderung abgesetzten Gebäudeecken finden sich etwa auch am sog. Haus Brüssel (Aachen, Marktplatz 43, errichtet 1785), dem sog. Haus Monheim (Aachen, Hühnermarkt 17, errichtet 1786) und dem sog. Haus Eckenberg (Burtscheid, Eckenberger Straße, errichtet um 1790, 1944 zerstört). Im Haus Eckenberg, einem großen Wohngebäude, wiederholte Couven in reduzierter Form das Herausschieben des Mittelrisaliten und die Verwendung von Rundbogenfenstern zur Belebung der Fassade und Betonung der Mittelachse, die er auch an der neuen Redoute genutzt hatte.[10]
Die Treppe zum Ballsaal
"Im Inneren des Gebäudes führt eine niedrige Vorhalle in das rechts [d.h. nördlich der Mittelachse] liegende Treppenhaus, das noch ganz der ursprünglichen Anlage entspricht. Die unten einarmige bequeme Treppe wird von dem grossen Podest an zweiarmig und führt direkt zu dem grossen Saal im Hauptgeschosse. Die Wände und Decke des Treppenhauses sind durch einfache, aber geistreich komponirte Stuckdekorationen verziert."[11] Diese Beschreibung Buchkremers ergänzte Faymonville noch um das Vorhandensein von "Geländer[n] mit kunstvollen eisernen Gitterfüllungen".[12] Das Treppenhaus wurde 1943 zerstört.
Interessanterweise erwähnt Buchkremer 1895 das Deckengemälde des Treppenhauses nicht, während Faymonville es 1916 wenigstens oberflächlich ausführt: Über der doppelläufigen Treppe befand sich ein Deckenbild, das bereits vor der Kriegszerstörung der Neuen Redoute verloren ging. Nach Faymonvilles Beschreibung handelte es sich um eine illusionistisches Darstellung, die den Raum nach oben malerisch erweiterte: "Ein Absturz der Putzfläche hat das Deckengemälde zerstört. Nach Art der damals üblichen Deckengemälde mit perspektivischer Wirkung und kräftigem Kolorit schauten in dem Bilde mehrere Personen über die Balusterrampe eines Balkons von der Höhe in die Treppentiefe hinab."
Künstler, Technik oder Details zum Bildmotiv sind nicht bekannt. Es besteht auch die Möglichkeit, dass es erst im 19. Jahrhundert aufgebracht wurde, doch darauf gibt es ebenfalls keine Hinweise. Auch ist das Motiv - die illusionistische Öffnung der Decke durch eine Empore/Balustrade, von der Götter oder Menschen auf den Betrachter herabschauen, oft hinterfangen von einem Ausblick in den freien Himmel - ein verbreitetes Motiv in der Barockmalerei, es wäre dementsprechend plausibel für eine Ausstattung um 1785. Anhand von Faymonvilles Beschreibung ließe sich spekulieren, dass es sich um ein direkt auf die Decke aufgebrachtes Bild gehandelt hat, die Hervorhebung des "kräftigen Kolorits" würde auf ein Fresko hindeuten. Dass Buchkremer es nicht beschriebt, könnte daran liegen, dass das Deckengemälde um 1895 bereits nicht mehr vorhanden war (der Zeitpunkt des Verlusts ist nicht bekannt).
Der Ballsaal
Der Ballsaal liegt zentral im ersten Obergeschoss der Neuen Redoute, reicht über zwei Stockwerke hinauf und nimmt die gesamte Tiefe des Gebäudes ein. "Korinthische, kannelierte Doppelpilaster über glattem Sockel rahmen die rundbogigen Fenster, Türen und Nischen ein; sie tragen die Verkröpfungen des Gebälks. Kräftige Atlanten helfen das Gebälk der Langseiten tragen. Blumen umziehen die Archivolten; die Türlünetten nehmen reizende Putten auf. Die hohen Nischen waren für Statuen bestimmt. An den Langseiten wechseln über dem Gesims Fenster und entsprechend eingetiefte Flächen, belebt mit stukkierten mythologischen Figurengruppen für Jupiter, Juno, Ceres und Pluto. Dazwischen stehen hohe Vasen mit Fruchtgehängen. Eine stark gehobene Hohlkehle, in die Stichkappen einschneiden, leitet zur flachen Decke über. Dort und in der Ausrundung hängen Blumen, Früchte, Musikinstrumente, Masken und andere schmückende Zutaten. Eine radiale Rosette, von schwebenden Putten gehalten, nimmt die Mitte des Deckenspiegels ein. Embleme und Ranken begleiten die Bildflächen, in denen Musik und Wein allegorisch dargestellt sind."[13] Die originalen Stuckaturen an Wänden und Decke werden Petrus Nicolaas Gagini und einem weiteren Stuckateur namens Würth (unbekannter Vorname) zugeschrieben. [14]
Faymonville/Buchkremer beschreiben die Deckenbilder als allegorische Darstellungen der Themen Musik und Wein.[15] Wer sie malte, wie genau die Gemälde gestaltet waren und in welcher Technik sie ausgeführt wurden, ist nicht dokumentiert. Die flächige, matte Lichtspiegelung, die man in einigen Fotografien auf den Deckenbildern beobachten kann, legen nahe, dass es sich um gefirnisste Leinwandbilder handelte. Die erhaltenen Fotografien des Ballsaals lassen die Malerei nicht erkennen, auch die Lithografie des Raumes von Stroobant erlaubt keine Schlüsse. Es lässt sich dementsprechend auch nicht ausmachen, welches der Bilder östlich und welches westlich angebracht war.
1885 wurde der Saal saniert, eine "Ergänzung und Ausbesserung der Gemälde" wird aber für 1896 angegeben.[16]
1943 wurde der Ballsaal beim Brand des seinerzeit so bezeichneten Alten Kurhauses bis auf die Grundmauern zerstört. Bis 1967 wurde die barocke Stuckausstattung rekonstruiert, die Kartuschen für die Gemälde sind heute leer.
Bibliographie
- Baedeker, Karl: Die Rheinlande von der Schweizer bis zur holländischen Grenze: Handbuch für Reisende, Leipzig 1905.
- online: https://archive.org/details/dierheinlandevo02firgoog [zugegriffen am 13.01.2026]
- Buchkremer, Joseph: "Die Architekten Johann Joseph Couven und Jakob Couven", in: Zeitschrift des Aachener Geschichtsvereins 17 (1895), S. 89–192.
- online: https://archive.org/details/ZAG17
- Euskirchen, Claudia / Gisbertz, Olaf / Schäfer, Ulrich (Bearb.): Georg Dehio. Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler. Nordrhein-Westfalen I: Rheinland, München/Berlin: Deutscher Kunstverlag 2005.
- online: https://de.dehio.org/bauwerk/aachen-altes-kurhaus [zugegriffen am 13.01.2026]
- Faymonville, Karl: Die Kunstdenkmäler der Stadt Aachen : im Auftrage des Provinzialverbandes der Rheinprovinz und mit Unterstützung der Stadt Aachen, Teil III: Die Profanen Denkmäler und die Sammlungen der Stadt Aachen, Düsseldorf 1916.
- online: https://archive.org/details/diekunstdenkmale103faym [zugegriffen am 12.01.2026]
- Haagen, Friedrich: Geschichte Achens. Von seinen Anfängen bis zur neuesten Zeit, 2 Bde., Bd. 2: Vom Jahre 1400–1865, Aachen 1873.
- online: https://archive.org/details/geschichteachen01haaggoog [zugegriffen am 12.01.2026]
Einzelnachweise
- ↑ 1,0 1,1 Haagen, Geschichte Aachens, 1873, S. 377, Anm. 1.
- ↑ Haagen, Geschichte Aachens, 1873, S. 377, Anm. 1; Reumont erhielt das Gebäude "durch Zession" [Übertragung von einem Gläubiger auf einen anderen], s. Faymonville, Kunstdenkmäler der Stadt Aachen, 1916, S. 804.
- ↑ Faymonville, Kunstdenkmäler der Stadt Aachen, 1916, S. 803–804.
- ↑ Haagen, Geschichte Aachens, 1873, S. 412.
- ↑ 5,0 5,1 5,2 5,3 Faymonville, Kunstdenkmäler der Stadt Aachen, 1916, S. 804.
- ↑ Haagen, Geschichte Aachens, 1873, S. 555.
- ↑ Zitat Baedeker, Rheinlande, 1905, S. 467. Das gewerbliche Glücksspiel wurde ab 1854 von der preußischen Regierung untersagt.
- ↑ Euskirchen / Gisbertz / Schäfer, Dehio Nordrhein-Westfalen I: Rheinland, 2005.
- ↑ https://altes-kurhaus-aachen.de/ [zugegriffen am 13.01.2026]
- ↑ siehe eine der wenigen erhaltenen Fotografien von Haus Eckenberg, https://digital.ulb.hhu.de/urn/urn:nbn:de:hbz:061:1-258782 [zugegriffen am 13.01.2026]
- ↑ Buchkremer, Couven, 1895, S. 180.
- ↑ Faymonville, Kunstdenkmäler der Stadt Aachen, 1916, S. 806.
- ↑ Faymonville, Kunstdenkmäler der Stadt Aachen, 1916, S. 806-07. Es ist auch ein Couven zugeschriebener Entwurf für die Deckengestaltung bekannt, der keine Gemälde vorsah, der sich aber offensichtlich nicht durchsetzen konnte, siehe Buchkremer, Couven, 1895, Tafel VIII, https://archive.org/details/ZAG17.
- ↑ Faymonville, Kunstdenkmäler der Stadt Aachen, 1916, S. 808; zu Würth vgl. "Würth (1782)". Allgemeines Künstlerlexikon - Internationale Künstlerdatenbank - Online, edited by Andreas Beyer, Bénédicte Savoy and Wolf Tegethoff. Berlin, New York: K. G. Saur, 2021. https://www.degruyterbrill.com/database/AKL/entry/_00239239/html. Accessed 2026-01-13.]
- ↑ Faymonville, Kunstdenkmäler der Stadt Aachen, 1916, S. 807; Buchkremer, Couven, 1895, S. 182.
- ↑ Faymonville, Kunstdenkmäler der Stadt Aachen, 1916, S. 807.